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11Die USA im Krieg - ohne Truppen!

 

Die Vierte wird reaktiviert, formiert und ausgebildet.

 

Zu den Quellen

 

Ich verwende in dieser Unterseite namentlich drei Quellengruppen:

 

a) Wikipedia

 

http://en.wikipedia.org/wiki/4th_Infantry_Division_%28United_States%29#World_War_II  06.06.14

http://de.wikipedia.org/wiki/4th_Infantry_Division_%28Vereinigte_Staaten%29 11.10.14

Bezüglich des Datums der Reaktivierung und der Ankunft in Eng­land folge ich allerdings

http://www.history.army.mil/documents/ETO-OB/4ID-ETO.htm

S. 41; 06.06.14 22:34

 

 

b) Famous Fourth:

 The Story of the 4th Infantry Division

 

"Famous Fourth" ist ein kleines Büchlein, das sich mit der Geschichte der Vierten befasst. "This booklet is one of the series of G.I. Stories published by the Stars & Stripes in Paris in 1944-1945, a publication of the Information and Education Division, ETOUSA."

 

 

Generalmajor H.W. Blakeley, der die 4. Infanterie-Division kommandiert hatte, zur Zeit der Landung und der Befreiung der Stadt Paris aber noch Divisions-Artillerie-Chef war, gewährte seine Zusammenarbeit bei der Vorbereitung dieser Broschüre. Sein Stab stellte den Herausgebern das Basis-Material bereit.

„Die 4. Infanterie-Division wird von drei der ältesten und hervorragendsten Infanterie-Regimentern der Armee der Vereinigten Staaten gebildet. Sie ist die Erbin der Geschichte der 4. Division im 1. Weltkrieg. Auf diesen Traditionen basierend haben wir eine eigene Tradition aufgebaut: die Erfüllung der anvertrauten Aufgaben trotz Feind, Wetter, Erschöpfung oder Mangel an Personal und Versorgung. Die Broschüre bietet eine unvollendete Geschichte. Wenn die Geschichte zu Ende geht, so mögen wir sagen dürfen: 'Wir haben niemals versagt.'“ schreibt General Blakeley zur Einleitung.

Für meinen Geschmack ist die Wiedergabe von Fakten, die ich als wertvoll empfinde, allzu sehr journalistisch aufgepeppt. Die Kämpfe werden übertrieben heroisch, oft einseitig und nicht durchwegs realistisch verbrämt. Die Ausdrucksweise lehnt sich stark an die amerikanische Soldatensprache an, was oft amüsant wirkt.

 

c) The 22nd Infantry Regiment Society

 

Der Feldkaplan des Regiments schrieb über diese Vorbereitungszeit, die Überfahrt und die Landung in England:

 

History of the Twenty-second United States Infantry in World War II

 

Compiled and edited by

Dr. William S. Boice, Chaplain, Twenty-Second Infantry

 

Nachfolgendes und das in vorausgegangener Unterseite über die Geschichte des 22. Infanterie-Regiments Geschriebene habe ich grösstenteils aus

 

The 22nd Infantry 1922-1944

Das ist dem

 22nd Infantry Regiment Yearbook, printed 1947, entnommen.

 

Quelle: Life-Magazine

Die 22nd Infantry Band paradiert in Birmingham, Alabama.

Es ist National Defense Day: 17. September 1940.

Seit mehr als einem Jahr herrscht in Europa erbitterter Krieg, angezettelt von Mussolini und Hitler, deren Ideologien und Politik sich auch ganz entscheidend gegen die USA richten.

Seit mehr als drei Jahren tobt ein grausamer Krieg in China, den die den Amerikanern feindlich gesinnten Japaner losgetreten haben. In den USA hat man Zeit für friedliche Paraden und Lust an bunter Folklore.

 

Quelle

Die Amerikaner misstrauten dem vordergründigen Frieden. Naiv war man nicht und die amerikanische Führung war es schon gar nicht. Bereits am 3. Juni 1940 hatte die US-Regierung die im Ersten Weltkrieg be­währte 4. Infanterie Division im Fort Benning, Georgia, reaktiviert. 

 

 

Nach den rasanten Erfolgen der Deutschen Wehrmacht gegen Frankreich und das englische Expeditionskorps und namentlich nach deren raschen Niederlage in der Schlacht von Dünkirchen (26. Mai bis 5. Juni 1940) wurde den dem Geschehen fernen Amerikanern klar, dass sich der Erste Weltkrieg wiederholen werde, aber offensichtlich für die Alliierten in einem viel schlimmeren Ausmass, war doch Frankreich geschlagen und durch das Verhalten der Pétain-Regierung zum Feindstaat geworden. Dass bereits am 18. Juni ein französischer Brigadegeneral, namens Charles de Gaulles, Staatssekretär in der abgesetzten Regierung, über BBC das französische Volk und die französische Armee zum Widerstand aufrief, war in Anbetracht der Macht des Faktischen tagespolitisch zu vernachlässigen. BBC hielt es nicht für notwendig, diese Rede - eine der wichtigsten der französischen Geschichte - aufzuzeichnen. Als Genfer Student konnte ich sie auswendig. Wegen meines deutschschweizerischen Akzentes betrachtete man aber meinen Vortrag als Sakrileg.

 

2. Juni 1940: Was am Strand von Dünkirchen vom britischen Expeditionskorps noch übrig blieb.

20. Juni 1940: Keitel diktiert dem französischen General Huntziger im Salonwagen von Compiègne den Waffenstillstand.



Die US-Regierung rief Truppen unter die Fahnen und liess sie den neuesten Erkenntnissen der Schlachtfelder folgend ausbilden. Zugleich sprang unbeeinträchtigt von Luftangriffen und Sabotageakten eine Rüstungs-Maschinerie an, wie sie die Welt noch nie zu sehen bekommen hatte.

 

Die zu den Reaktivierten gehörende 4th Infantry Division im Fort Benning, Georgia, hatte nicht mehr die Zuteilungen des Ersten Weltkrieges, sondern das 8., das 22. und das 29. Infanterie-Regiment, sowie das 20., das 29., das 42. und das 44. Feldartillerie-Bataillon. Hinzu kamen die Divisions-Spezialtruppen. Später wurde das 29. Regiment durch das 12. Infanterie-Regiment ersetzt.

 

Niemand dachte nach dem erfolgreichen Westfeldzug der deutschen Wehrmacht daran, dass amerikanische Soldaten von der Atlantikküste in napoleonischen Fussmärschen nach Berlin vorrücken würden. Der Panzerkrieg hatte schliesslich die Infanterieschlachten des Grossen Völkermordens 1914/18 abgelöst und entschieden. Die Vierte wurde als Infanterie-Division dem 1. Panzerkorps zugewiesen, zu dem die 2. Panzer-Division gehörte. Wollte man die Infanteristen nicht allesamt an der Aussenverkleidung der Panzer zum Mittransport an- bzw. aufhängen, so musste man sie selbst mechanisieren. Entsprechende Fahrzeuge waren zu erfinden und zu beschaffen. Zu ersetzen wegen Untauglichkeit im modernen Krieg waren auch unverzüglich die berittenen Mitrailleure. Die Maschinengewehre mussten aus den Schützengräben heraus und von den hippomobilen Bastsätteln herunter auf Selbstfahrlafetten. Der Halftrack wurde zum unverzichtbaren Maultier des alliierten Infanteristen.

 

 

Mit der neuen Taktik waren die Soldaten und ihre Offiziere aber zuerst vertraut zu machen. Die grossen Strategen in den hohen amerikanischen Militärschulen bildeten sich nicht ein, im Sandkasten alles besser zu wissen. Ohne ein Ausexerzieren im Feld mit Männern, die ihre Stärken und Schwächen hatten, mit Fahrzeugen, Waffen und Munition hielt man alles für graue Theorie, die mit grosser Wahrscheinlichkeit auf dem Schlachtfeld versagen würde. So wurde die Vierte zum Experimentier-Verband, zum War Department's guinea pig (Meerschweinchen/Versuchskaninchen). Sie sollte beweisen, dass und wie die neukonzipierte mechanisierte Division einsatztauglich war und/oder werden konnte.


Im August 1940 begann die Ausbildung und die Umschulung. In Manövern in Louisiana und in Carolina wurde die Division beübt. Sie kehr­te dann wieder nach Fort Benning zur Detailausbildung zurück.

 

In den Annalen des 22. Infanterie-Regiments, das damals von Oberstleutnant George H. Weems kommandiert wurde und bereits vollmotorisiert war, werden die Louisiana-Manöver als „famed“ bezeichnet, was zwar „berühmt“ heisst, aber in der Soldatensprache eher mit „berüchtigt“ übersetzt werden dürfte. Warum, das pflegen die Insider in allen Armeen vor den Grünschnäbeln mit wissendem Lächeln zu verschweigen. Nicht verschwiegen wird dagegen, dass die Baracken in Fort Benning weder beheizt waren noch über Licht und Wasser verfügten. Die Regimentsgeschichte klagt, die Truppe habe „suffered its worst growing pains at this time“. Das ist kaum zu glauben, wenn man die Entbehrungen, das Leiden und Sterben im Hürtgenwald

- 6. Oktober 1944 bis 10. Februar 1945 - damit vergleicht. Die Division wurde am 7. Dezember 1944 aus der Schlacht herausgelöst, nachdem sie mit 7500 Verletzten und Toten fast ein Drittel ihrer Mannstärke verloren hatte. Aus der Etappe Luxemburg wurde sie dann gleich von der für beide Kriegsparteien grausam verlustreichen deutschen Ardennen-Offensive herausgeholt.


Schlaf-Baracke Kompanie A, 1. Bataillon, 22. Inf.-Rgt., Fort Benning

Ich will nicht übersehen, dass die über Monate anhaltende Entbehrung der Intimität belastend sein kann, aber als schlimm kann ich diese Unterkünfte nicht empfinden.



Privat William Gervasio, Fort Benning

Wird er den "Kreuzzug nach Europa" überstehen?

Weitere Bilder dieses Soldaten


29th Field Artillery Battalion

„Bill Ventrelli has provided us this photo, taken in September 1941, at Fort Benning, GA. Bill is the 2ND from the LEFT in the FRONT ROW, holding the helmet marked # 5! He is quite sure these men were in Headquarters Battery at this time.“

Quelle

 

In einzigartiger Selbstüberschätzung erklärte Hitler am 11. Dezember 1941 den Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg. Bereits am 7. Dezember hatten die Japaner die amerikanische Flotte in Pearl Harbor überfallen, was wohl Kriegserklärung genug war.

 

 

Die amerikanische Armee soll, als sie von den Japanern und Deutschen in den Krieg hinein gezogen wurde, bloss 100'000 Mann unter den Fahnen gehabt ha­ben. Zum Vergleich: Allein an der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 nahmen 150'000 Mann aktiv teil!

 

Der Mehrbedarf an neuen Divisionen stieg exponen­tiell. Schlagartig eröffneten sich im Pazifik, im ostasiatischen Raum, auf den Philippinen, im Atlantik, bald auch in Nordafrika, auf Sizilien und in Italien neue Kriegs­schauplätze. Dennoch blieb die Vierte in den USA in Ausbildungszentren. Sie blieb ein Experimentalverband, mit dem die neuen Theorien des Ge­fechts der verbundenen Waffen und die Manöver der Grossverbandsstrukture­n erprobt wurden.

 

Die Truppenkörper und die Kader mussten sich den vom Kriegsministerium vorgegebenen Übungsprogrammen widmen. Die Regimenter hatten aber auch die neu eintreffenden Rekruten ins Soldatenhandwerk in speziellen Trainingseinheiten einzuführen, den Umgang mit den neuen Waffen, Fahrzeugen und Geräten einzuexerzieren und über den ganzen Standort-Bundesstaat hinweg wichtige Anlagen zu bewachen, denn vor einer Wiederholung der Überraschung von Pearl Harbor fürchtete man sich und die Furcht wurde wohl noch geschürt, um die Opferbereitschaft, die ein Kriegseintritt dem amerikanischen Volk abverlangte, wach zu halten. Zugleich wurde die Verbundenheit von Volk und Armee gestärkt, indem diese Präsenz markierte.

 

Im Dezember 1941 begann das Training in Fort Gordon im Bundesstaat Georgia. Der Schock von Pearl Harbor und die im Allgemeinen für die Alliierten schlechten Nachrichten von den Schlachtfeldern machten das Soldatenleben auch in den Trainingscamps düster. Weihnachtsurlaub gab es nicht. Lange Begründungen brauchten die Trainer nicht, warum sie den Leuten besondere Härte abverlangten. Gewaltsmärsche blieben den Beteiligten in unguter Erinnerung. Ständig wurden Spezialeinsätze eingeübt und die Kampfbereitschaft in vielfältiger Weise geprüft.

 Leute der Kompanie M, Rgt. 22

Weitere Bilder

 

Im Juni 1942 bekam der frühere Chef des Stabes, General Raymond O. Barton, ein Westpoint-Absolvent, das Divisionskommando. Er formte die Einheit zu ihrer vollen Kampfkraft. Im Sommer 1942 wurde sie in Manövern in Carolina auf ihr Kriegsgenügen getestet.

 

Während den Carolina-Manövern wird die Flussüberquerung im Gummiboot geübt. Das gleiche 22. Regiment wird südlich von Paris unter Verlusten an Menschen und Material versuchen, die Seine zu überqueren. Weitere Bilder.


Die USA verschifften ab September 1942 die Divisionen für den Einsatz in Nordafrika. Dass die Vierte nicht dabei war, wird in ihrer eigenen Geschichte (Famous Fourth) mit mangelndem Schiffsraum begründet. Wahrscheinlicher ist wohl die Meerschweinchen-Theorie, dass man nämlich die Heereseinheit weiter zu Erprobungen verwenden wollte. Die ersten wichtigen Kriegserfahrungen würden ja erst noch eintreffen und böten wohl Anlass zu Anpassungen von Taktik und Strategie. Bei Einheiten in Feindkontakt mussten misslungene Experimente unweigerlich tödlich enden.

 

Im April 1943 wurde die motorisierte 4. Infanterie-Division nach Fort Dix, New Jer­sey, verlegt. Trotz Demotorisierung ab Juli 1943 gefiel der Dienst den Soldaten, denn sie befanden sich nun in der Nähe von New York, Philadephia und Trenton. So jedenfalls steht es in der Geschichte des 22. Infanterieregiments, das seit Februar von Colonel Hervey A. Tribolet kommandiert wurde.

 

Florida - Der Strand von Carrabelle am Golf von Mexiko

 

Aus der weltstädtischen Umgebung wurde die Vierte bald wieder herausgerissen und im September 1943 in die „Pampa“ von Carrabelle Beach, Camp Gordon Johnston, Florida, verschoben.


 Azurblaues Meer und weisser, palmengesäumter Strand

sanft anrollender Gischt vor, Natur pur hinter sich.

Für Soldaten, die demnächst zur Rettung Europas ausgeschickt werden: nichts von all dem.


Die Baracken im Camp Gordon Johnston


So desolat das Gelände war, so wichtig war das Übungsprogramm in Bezug auf die künftigen Einsätze der Leute. Die Division wurde zu einer „reinen“ Infanterie-Division (modernen amerikanischen Zuschnitts) zurechtgestutzt. Sie trainierte nämlich amphibische Operationen. Man wurde in praxi vertraut mit neuartigen militärischen Begriffen:

LCI (Landing Craft Infantry), LCVP (Landing Craft Vehicular Personnel)

 und LCM (Landing Craft Mechanized).


 

Zu den Landemanövern, namentlich auf den gegenüberliegenden Dog Island, gehörte überlebenswichtiger Schwimmunterricht, der sich auch in den kalten Novembernächten fortsetzte. Bei einer solchen Übung wurde der Mot. Offizier des 22. Regiments, Hauptmann Clarence C. Hawkins, aus einem Gummiboot ins Meer gespült. Er packte alle seine persönlichen Sachen samt der Armbanduhr in einen wasserdichten Sack. Aus der Luft wurde er beobachtet. Ein LST (Landing Ship Tank) drehte bei, um ihn an Bord zu hieven. Er aber schwamm zuerst dem Sack nach, warf ihn an Bord und liess sich erst dann retten. Es war die Zeit, wo eine Armbanduhr noch etwas galt! Auch wenn es kein Schweizer Fabrikat war. Sonst wäre sie wasserdicht gewesen. In drei, vier Jahren wird jeder in Deutschland stationierte GI sich bei einem Dollar-Kurs zu CHF 4.25 auf dem Urlaub in Switzerland eine solche Qualitätsuhr leisten können. Die Trophäe des gewonnenen Krieges für die unteren Chargen!

 


Diese Ausbildungsphase in Florida war die nützlichste und die verhassteste. Sie ist illustriert und stark humanisiert in einer Broschüre wiedergegeben. Wer den Film The Longest Day sieht, dem ist die Leichtigkeit der Beladung eines Landungsbootes augenfällig. Man steckt so viele Leute hinein, wie herein gehen. Wenn es denn so leicht wäre. Dahinter stecken tausend Überlegungen und zehntausend widerwärtigste Übungen. Wind, Meer und Wetter nahmen auch keine Rücksicht auf Gradabzeichen, so wenig wie der künftige feindliche Beschuss. Ungenügen konnte sich nicht hinter Privilegien verstecken. Ohne die Pein dieser militärischen Schulung, die die amerikanischen Boys auf sich genommen hatten, hätte es keine gelungene Invasion und damit keine Befreiung der Stadt Paris und Westeuropas gegeben !

 


Weihnachtsmenü der Kompanie A des 22. Inf. Rgts.

Weitere Bilder

 

Am 1. Dezember 1943 kam die Vierte ins Fort Jackson in South Carolina an. Sie wurde per Bahn und mit Lastwagen, die der Armee offenbar auch nicht in unbeschränktem Mass zur Verfügung standen, dorthin gebracht. Man war wieder „unter den Leuten“. Familien-Angehörige wohnten in Columbia. Weihnachten zu Hause. Für einige Männer wenigstens. Aber auch für sie: eine trügerische, eine kurze Freude vor dem Abschied – Abschied für immer für die meisten. Kam hinzu: die ständige Angst vor Sabotage und Terrorangriffen. Eine Grossmacht hat ganz besondere Empfindlichkeiten. Die Sicherheits- und Kontrollmassnahmen schlingerten schon damals über der Grenze zwischen Notwendigem und Übertriebenem.

 

Aus der Divisions-Zeitung "The Ivy Leaf" vom 31.12.1943 Fort Jackson, South Carolina. Kaplan Boice hat auch die Geschichte des 22. Regiments geschrieben. Ob der Sergeant seine Frau nach dem

3. Januar 1944 je wiedersehen wird?

 

Im Fort Jackson wurde die Division alarmiert für die Verschiebung nach Übersee. Sie kam ins Camp Kilmer, New Jersey.   Die Verschiffung im Hafen von New York dauerte vom 4. bis zum 18. Januar 1944 nach minutiösem Plan.  Das Divisions-Hauptquartier und die Kompanie C des Sanitätsbataillons gingen am 16. Januar an Bord des britischen Transporters „Capetown Castle“.

 

Sie war mit ihren 27'000 Bruttoregistertonnen das größte vor dem Zweiten Weltkrieg gebaute Schiff der Union-Castle Line und erst 1938 in Dienst gestellt worden. Zugelassene Passagierzahl: Erste Klasse 292, Kabinenklasse 499. Dementsprechend stieg auch das ganze 22. Infanterie-Regiment - die Double Deucer! - ein.

 

[Es kostete mich viel Zeit, bis ich begriffen hatte, dass "Double Deucer" etwas mit 22 zu tun hat...]

 

Neben der Besatzung des Schiffs waren somit nach der Order of  Battle, S. 565, welche die Sollbestände einer Infanterie-Division wiedergibt, 154 Mann des Div. HQ, 98 der Sanitätskompanie und 3'207 (!) des Inf. Rgts. an Bord. Sechsmal mehr als bei ziviler Verwendung! Ich weiss auch nicht, ob das Material und die Fahrzeuge im gleichen Schiff transportiert wurden. Die Überfahrt war jedenfalls ein grosses Wagnis. Ein einziger Topedo-Volltreffer hätte ein ganzes Regiment samt Divisionsstab ausgelöscht.

 

Es ist nicht ersichtlich, aber anzunehmen, dass die ganze Division im gleichen Geleitzug nach England fuhr. Das „Flaggschiff“ Capetown Castle lichtete die Anker allerdings schon vor der Morgendämmerung des 17. Januar. Der Konvoi wurde gewiss ausser Sichtweite neugieriger Küstenbewohner zusammengestellt. Wind und Wetter waren der Jahreszeit entsprechend unfreundlich und oft wild. Nichts für Landratten. Die amerikanischen Offiziere, namentlich der berichterstattende Feldprediger, empfanden die Atmosphäre an Bord des englischen Schiffes als typically British. Die Offiziere wohnten in komfortablen, herrschaftlichen Kabinen. Es war nun mal ein Luxusdampfer! Serviert wurden kreuzfahrt-gerechte Menüs im dining salon. Die Quartiere und Essensrationen für die Mannschaft waren „inadequate“, wohl dem von der Belegung her knappen oder - deutlicher gesagt - unzureichenden Raum entsprechend. Die Feldprediger hielten nächtliche Gottesdienste in den Essräumen der Soldaten. Sie berichteten, in Anbetracht der Ungewissheit des Zukünftigen sei die Aufmerksamkeit „exceptionally good“ gewesen. Spezialtrupps zeigten Filme. Benützt wurde auch die Schiffsbibliothek. Vor allem liess man die Leute schlafen. Eine gewisse Zeit widmete man der Theorie und den Orientierungen, was aber wohl keine Behinderung des sanften Schlummerns bedeutet haben dürfte. Bewusstsein und während des Schlafes auch das Unterbewusstsein beschäftigten sich allerdings unweigerlich mit den Fragen nach dem Kommenden.

 

Major John Dowdy, von dem nachfolgend noch Verschiedenes zu berichten sein wird, war ein sehr respektierter Einheits-Kommandant innerhalb des Infanterie-Regiments. Dieser Respekt stand ihm, wie die weitere Geschichte zeigen wird, zu Recht zu. Nur Sturm und Wogen hatten vor ihm und seinem Magen keinerlei Ehrfurcht. Er litt arg unter „mal-de-mer“. Der aufrechte Infanterist verbrachte die Überfahrt vornehmlich horizontal, in seiner Koje. Ein oder zwei Tagesreisen vor Liverpool schaute er spitz und bleich auf das Frühstück, das der Stewart einem andern Offizier servierte. Als er Kopf und Schwanz des very British Kippered herring aus einem Topf warmer Milch ragen sah, wurde er grün und verliess augenblicklich die Gegenwart seines Kameraden, um sich den ganzen Tag über nicht mehr zu zeigen.

 

John Dowdy

+ 16.9.1944 im Alter von 26 Jahren


Weitere Anekdoten zur Überfahrt, die den Landraten und namentlich ihren Mägen einen nachhaltigen Eindruck zurückliess, finden sich in "The American GI in Europe in World War II: D-Day: Storming Ashore", Band 3, von J. E. Kaufmann,H. W. Kaufmann, S. 292

 

Die wegen der Geleitzug-Taktik 13 Tage dauernde Überfahrt über den Atlantik begleiteten scheinbar keine militärisch bedeutenden Zwischenfälle (U-Boot-Angriffe). Am Nachmittag des 29. Januar 1944 legte die Capetown Castle in Liverpool an. Die Leute konnten nicht von Bord und das Material nicht gelöscht werden, weil die britischen Eisenbahnen überlastet waren. Erst am 30. Januar ging die Vierte an Land. Die Amerikaner erlebten noch etwas typisch Britisches: der Tag war grau, das Wetter hässlich. Die in die USA zurückfahrenden Schiffe nahmen viel Post der Englandfahrer für die Daheimgebliebenen mit.

 

Die Männer waren in einem hoffnungsvollen Alter, aber sie hatten wenig Chancen, das, was ihnen wartete, gesund und heil zu überleben.

Company B 4th Medical Battalion  (S.157)