2Inhalt

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Titelblatt

Die Tuilerien brennen während der Pariser Kommune (21. Mai 1871).

Hitler: „Brennt Paris?“

Paris brennt nicht !

 

Charles de Gaulle:

„Hommes et femmes, qui sommes ici, chez nous, dans Paris debout pour se libérer et qui a su le faire de ses mains. Paris ! Paris outragé ! Paris brisé ! Paris martyrisé ! mais Paris libéré ! libéré par lui-même, libéré par son peuple avec le concours des armées de la France, avec l'appui et le concours de la France tout entière, de la France qui se bat, de la seule France, de la vraie France, de la France éternelle. Eh bien ! puisque l'ennemi qui tenait Paris a capitulé dans nos mains, la France rentre à Paris, chez elle.“

 

Paris libéré !

 

Der Anteil der Vierten

 

 "Ivy Division"

Steadfast and Loyal

"Iron Horse"

 

4th US Infantry Division


Ein paar persönliche Bemerkungen

Der Jardin Atlantique inmitten der Überbauung Gare Montparnasse

Blick nach Westen (zum Atlantik)

 

- Bilder lassen sich durch Anklicken (meist) vergrössern. Zudem ist dann im Link-Adressfeld die Quelle ersichtlich. Mit den Tabs in der Tab-Leiste zum Ausgangsbild oder -text zurücknavigieren. -

 

Hinter dem imponierenden modernen Gebäude der Gare Montparnasse versteckt sich ein Park: der Jardin Atlantique. Er ist nicht besonders anmutig, aber doch eine Oase inmitten der Hochhäuser. Vom Atlantik trennt ihn eine nicht allzu geringe Distanz, sonst hätte der Bahnhof seine Bedeutung nicht. Von dieser Strecke, die man auch auf Umwegen und mit allerhand Hindernissen zurücklegen kann, wird diese Website in Wort und Bild - hoffentlich eindrücklich genug – berichten. Der Name des überdimensionierten Innenhofes will wohl nicht notwendig daran erinnern, dass die Befreier von Paris vom Atlantik her den besetzten europäischen Kontinent betraten und hier ihr Hauptquartier einrichteten. Seine Alleen, die keine sind, tragen aber die Namen von Elementen der Deuxième Blindée. Dieser Link öffnet die Ordre de Bataille der Division Leclerc und ihre Kampfkraft.

 

25. August 1944

Die Generäle Charles de Gaulle und Leclerc im Bahnhof Montparnasse

Abgedrängt schaut der Ranghöchste zu: General Koenig.

 

12. August 1944

Die 2. Französische Panzer-Division befreit Alençon.

 

In ungefähr viereinhalb Stunden würde ein Motorisierter heute – ohne deutsche Panzerdivisionen, die im Wege stehen - die rund 400 km lange Strecke Sainte-Marie-du-Mont – Alençon – Paris-Montparnasse zurücklegen.


De Gaulles Rede, Gaullismus

An ihrem Ende münden die Alleen des Jardin Atlantique ins Musée du général Leclerc de Hauteclocque et de la Libération de Paris.

Dort drin tritt nochmals überlebensgross der über das Gardemass hochgewachsene Übervater Charles de Gaulle in einer Multimedia-Show auf. Er donnert mit seiner bekannten sonoren Stimme ständig wiederkehrend die Rede vom 25. August 1945 ins Publikum, dem einerseits der Schauder der Ergriffenheit den Rücken hinunter rinnt; andererseits wird es von dieser Überautorität auch etwas niedergedrückt.

 

- Propagandistisch,

- taktisch,

- strategisch,

- diplomatisch,

- rhetorisch,

- staatspolitisch,

- historisch

betrachtet ist die Rede eine Meisterleistung, wie sie selbst in einer ganzen Epoche nur selten gelingt. Vom mit dem Erzgegner Hitler kollaborierenden Feindstaat wurde Frankreich über Nacht zum Alliierten, zur Siegermacht, zur Vetomacht des Sicherheitsrates der UNO; dabei zählt Pétains „Staat Frankreich“ nicht einmal zu den 26 Signatarländern der Deklaration der Vereinten Nationen vom 1. Januar 1942. - Die Ansprache dauerte – verschiedene Unterbrüche frenetischen Zwischenapplauses eingerechnet - keine fünf Minuten (Le discours en intégralité - 4'52''). Jedes Wort war eine wohlgezielte, treffsichere gaullistische Lanze. Schwer zu glauben, dass es eine „allocution improvisée“ war; zu abgewogen, zu ausgewogen im Sinne ihrer Zielsetzung war die Rede – bei aller Anerkennung des aussergewöhnlichen rhetorischen Talents de Gaulles und auch bei aller Bewunderung der Ausstrahlung, die von seiner Erscheinung ausgeht, bei aller Faszination, die er auch heute noch zu wecken vermag, wenn man ihn im Film sieht und sprechen hört.

 

Was war es denn, das uns bedrückte?

 

„Paris libéré ! libéré par lui-même, libéré par son peuple avec le concours des armées de la France, avec l'appui et le concours de la France tout entière, de la France qui se bat, de la seule France, de la vraie France, de la France éternelle. Eh bien ! puisque l'ennemi qui tenait Paris a capitulé dans nos mains.“

 

Ist das wahr? Ganz alleine? Und es gab nur dieses eine Frankreich? De Gaulle hatte frankreichpolitisch richtig gehandelt, zu jener Stunde die Dinge so darzustellen. Die Geschichte läuft ohne Rücksicht auf Moral ab. Politik wird – man weiss es zur Genüge – nicht von akribischer Suche nach Wahrheit begleitet. Aber welchen Sinn macht die litanei-ähnliche Wiederholung dessen, was nicht stimmt? Es dient nicht der Sublimierung der ohnehin hohen Anerkennung, die der Retter der Nation rechtens erworben hat. Und auch nicht der Gloire der Grande Nation. Im Gegenteil. Wenn der Zweifel zu nagen beginnt, bringt er schlimmstenfalls das Monument zum Einsturz. Warum sehen die Gaullisten nicht ein, dass die Befreiung ihrer heissgeliebten Metropole durch Menschen aus mehr als zwei Dutzend Nationen zum höheren Ruhme Frankreichs gereicht. Andere schöne Städte Europas wurden der blind wütenden Willkür ihrer Besatzer und Eroberer überlassen.

 

Die zerstörte Stadt Warschau

 

Die Stiftung Charles De Gaulle „hat sich zum Ziel gesetzt, Werk und Aktionen des Generals de Gaulle, das gemeinsame Erbe aller Franzosen, in Frankreich und im Ausland bekannt... zu machen.“ De Gaulle hat grosse Verdienste. Kein Zweifel. Meine Generation verdankt ihm und dem ihm wesensgleichen Konrad Adenauer unendlich viel. Hitler wurde gestürzt. Was nachher kam, war ebenso wichtig: Das Ende der für Europa (und die Welt) so verheerenden Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich. Eine Friedensordnung, die sich als stabil erwies. Aber die Verdienste dieser Männer werden geschmälert, wenn man die Wahrheit übertüncht, ihre Schwächen zu Stärken hochstilisiert.

 

Die Fondation verbreitet eine verkürzte schriftliche Fassung der de Gaulle-Rede. Von den puristischen stilistischen Korrekturen, die der General, der Meister der Sprache, gewiss nicht nötig hat, will ich nicht weiter reden. Warum der Passus, wo er von den „quelques traîtres, qui connaîtrons la rigeur de la loi“ sprach, ausgelassen wurde, erkläre ich damit, dass man den Staatsmann als Versöhner der Nation hinstellen wollte. De Gaulle war alles andere als versöhnlich. In allererster Linie Pétain gegenüber nicht. Recht hatte er. Der ganze Abschnitt der Rede, in dem die wichtigen Sätze im vorgeblichen Manuskript oder Protokoll oder was immer die angeblich wortwörtliche Wiedergabe sein will, fehlen, war ein für die Festigung des Erfolges – die Befreiung der Hauptstadt – wesentliches Werben um die kommunistischen Kräfte des Untergrundes, nun nicht den revolutionären Prozess in der Stadt fortzusetzen, sondern den gemeinsamen, ungeschlagenen Feind bis in dessen Reich zu verfolgen und zu vernichten.

 

Frankreichs Kommunisten setzten den anvisierten Weg – Vertreibung der Faschisten und dann Vernichtung der Pariser Bourgeoisie - nicht fort, weil de Gaulles Appell fürs Erste der Generallinie Moskaus gerecht wurde: erst wenn mit vereinten Kräften Hitler in Berlin geschlagen sei, die kommunistische Weltrevolution in Gang zu setzen.

 

Dass die Fondation und mit ihr viele andere die Rede anders hören wollen, als sie vorgetragen wurde, sieht man nicht allein in den Verkürzungen, sondern auch in der Auffassung, dass "ce texte reste célèbre pour ses accents christiques à l’évocation de la libération de la capitale." Warum nicht gar! Wer sich beim Lesen dieses gaullistischen Urteils mehrfach die Augen reibt, mag – ich musste mich auch vergewissern - bestätigt bekommen, dass „christique“ zu Deutsch „christlich“ heisst.

 

Unerfindlich ist mir, wie eine französische Organisation, die von einem Botschafter Frankreichs in der Bundesrepublik gegründet wurde und um Verständnis und Verständigung wirbt, zwar die wohl nach ihrer Auffassung geschönte Rede in deutscher Sprache wiedergibt, was an sich verdienstvoll ist, dann aber einen Link zur Ansprache des Generals bereitstellt, wo sie auf die Hälfte verkürzt ist, ohne das kundzutun. Das verkürzte Tondokument geistert im Internet recht häufig umher. Darin werden die Alliierten mit keinem Wort erwähnt. Die Sache ist noch schlimmer: bis man endlich zu dieser (als solcher verschwiegenen) Kurzfassung kommt, muss man eine halbe Stunde eine für heutige Ohren in widerlichem, sportpalastkonformem Ton gehaltene siegestrunkene filmische Rückschau auf die Befreiung der Stadt Paris vom September 1944 angucken und aushalten.

 

Ton und Schnitt entsprechen dem damals in England, Deutschland, Amerika und in der Schweizer Wochenschau üblichen sportjournalistenhaften, kehligen Stil. Also wiederum verständlich aus jener Zeit heraus. Er war nicht exklusives geistiges Eigentum des Berliner Propagandaministers. Die, die von der Besatzung gedemütigt, unterdrückt und gequält worden waren, hatten berechtigte Rachegefühle. Wer aber kollaboriert hatte, musste durch Übertreiben des Gegenteils die doch stets gehabte „richtige Gesinnung“ unter Beweis stellen. Zudem: Es herrschte immer noch Krieg, und Krieg läuft nie ohne Propagandawalzen ab.

 

Nüchtern betrachtet macht dieser Film die Widerstandsbewegung als miserabel ausgerüsteten, im Häuserkampf gänzlich naiven Haufen lächerlich. Ich bin überzeugt, dass sie das nicht war. Es gab hartnäckige Kämpfer und tüchtige Organisatoren, aber die konnte man in ihrem Wirken nicht filmisch spektakulär darstellen. Jedermann kann nachlesen, wie viele Wochen technisch und nachschubmässig hoch überlegene alliierte Armeen nach teils jahrelanger taktischer Schulung brauchten, die deutsche Atlantik-Verteidigung zu knacken. Da ist es grotesk, ein paar Leute mit alten Gewehren und lächerlichen Revolvern zu zeigen, die ungedeckt auf deutsche Panzer feuern, die dann auch prompt wenden - gewiss nicht wegen der kleinkalibrigen Kugeln. Der deutsche Stadtkommandant Choltitz hatte 20'000 Mann allein innerhalb der Stadt zur Verfügung. Sie waren nicht mit veralteten Waffen und knapper Munition ausgerüstet. Viele von ihnen – auch Choltitz selbst – waren erfahren im Niederlegen von ganzen – auch grossen - Städten.

 

De Gaulle erwähnt in seiner Ansprache die Alliierten, die jetzt dann nach der mutigen, starken und effizienten französischen Vorhut endlich nachrücken und nach Deutschland weiterziehen würden. Er tönt nur an: die Gefahr, dass dann Frankreich beim grossen Sieg nicht dabei sein könnte. Man müsse also einig sein – sagt er vor allem an die Adresse der Kommunisten -, einig nicht nur wegen der Deutschen und der Verräter, sondern auch wegen der Amerikaner, Engländer und Kanadier. Wörtlich heisst das so: „den Feind mit Unterstützung unserer lieben und bewundernswürdigen Verbündeten aus unserem Lande verjagen.“ So übersetzt die (zu) viel zitierte (pars pro toto der gaullistischen Bewegung) "Fondation Charles de Gaulle", was im Urtext „avec le concours de nos chers et admirables alliés“ heisst.

 

Die „lieben Kleinen“! Die ganze französische Division Leclerc war vom ersten der vielen, vielen gepanzerten Vehikel bis zum letzten Präservativ mit anglo-amerikanischem Material ausgerüstet. In ihren Reihen kämpften aus dem Bürgerkrieg erfahrene Spanier (Le Nueve), Polen, Libanesen, Deutsche, Belgier, Afrikaner aus allen Kolonien, Schweizer, marokkanische Spahis, britische Quäker etc. Heute geben die französische Quellen an, es seien etwa 22 Nationalitäten in der 2e division blindée vertreten gewesen.


General Leclerc

 

Damit soll in keiner Weise die Leistung des Generals Leclerc de Hauteclocque und seiner französischen Offiziere kleingeredet werden. Auch sie haben mit ihrem unbändigen Durchhaltewillen wirksam Westeuropa zu befreien geholfen. 1940 folgte Philippe François Marie de Hauteclocque auf abenteuerlichem Wege Charles de Gaulle nach England in den Widerstand. Er liess seine Frau und sechs Kinder in der Heimat zurück, die dauernd in Repressionsgefahr standen. Daher der Wechsel seines Familiennamens in Leclerc ("Meier"). De Gaulle entsandte ihn nach Äquatorialafrika, um die Kolonialtruppen gegen das Vichy-Regime zu mobilisieren. Am 2. März 1941 liess er seine Leute nach gewonnener Schlacht gegen die faschistischen Italiener in der libyschen Oase von Kufra schwören:

 

«Jurez de ne déposer les armes que lorsque nos couleurs, nos belles couleurs, flotteront sur la cathédrale de Strasbourg

 

Mitten in der libyschen Wüste ist weit und breit kein Münster zu sehen.

Bis zur Eroberung von Strassburg dauert es bis zum 23. November 1944. - Und die blutigsten Phasen des Krieges standen erst noch bevor.


Beteiligung der Amerikaner an der Befreiung von Paris

 

In dem vorerwähnten wochenschau-stiligen Film vom September 1944 wird ein clownesker US-Soldat gezeigt.  Man kommentiert salopp, die Amerikaner hätten Zigaretten gegen Spuren von französischem Lippenstift auf ihren Wangen ausgetauscht.

 

Sie hatten seit dem 6. Juni einen langen, verlustreichen Weg hinter sich, diese Männer der 4. US-Infanteriedivision, die zum amerikanischen V. Korps gehörte, das Paris befreite, indem es die 2. französische Panzer-Division, die seit drei Wochen – tapfer und oft als Spitzenelement des Angriffs – im Einsatz war, zur Linken und die Vierte zur Rechten auf die von den Deutschen verteidigte Stadt ansetzte. Dass die beiden Divisionen überhaupt für den Marsch nach Paris verfügbar waren, resultierte aus dem letzlich erfolgreichen mörderischen Kampf in der Normandie von vier alliierten Armeen gegen einen nach der Landung keineswegs verwirrten, sondern bis zum Letzten entschlossenen, starken deutschen Gegner.

 

 

Soweit zu den "lieben" Alliierten. Wie bewundernswürdig sie waren, wollte ich untersuchen. Bewundernswürdig jedenfalls waren ihre Mütter, Bräute und Frauen, die diese Männer auf einen andern Kontinent ziehen liessen, in einen Krieg. Was ging sie der überhaupt an?  Nach Hitlers Überfall auf Polen gelang es Präsident Roosevelt erst nach zwei Jahren, in seinen „Kaminreden“ an die Nation, die Mehrheit der Amerikaner nach und nach von der Notwendigkeit des aktiven Eingreifens in das Kriegsgeschehen zu überzeugen. Die Hauptarbeit nahmen ihm die japanischen Imperialisten mit dem Überfall auf Pearl Harbor - am 7. Dezember 1941 - ab.


Paris - die unzerstörte Stadt


 

Deutsche und finnische Armeen belagerten vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 Leningrad. Die Belagerten starben hungers. Kaum ein Stein blieb auf dem andern. Die Stadt war zerstört, hatte sich aber nicht ergeben. Warum ist Paris so schön geblieben? Wie kam es, dass man dieser Metropole des besonderen Fluidums nicht auch die Seele mit der Allgewalt der Bombardemente auslöschte wie vielen für ihre Schönheit berühmten Städten und Tausenden von Dörfern und Kleinstädten?  

 


Die Häuser, die hier nur noch als Ruinen erscheinen, ergaben einmal ein Stadtbild ähnlich dem Pariser Titelbild dieser Webseite !

Bilder zum Vergrössern anklicken!

 




Das Karlsruher Schloss

nach dem 2. Weltkrieg


Warum blieb Versailles verschont, warum der Louvre ?

Was sind die Ursachen?


Und um's nochmals unter Beweis zu stellen, dass wir nicht genug all denen dankbar sein müssen, die Paris unter dem Risiko und in Aufopferung von Leib und Leben befreit und in seiner ganzen gewachsenen Schönheit erhalten haben, die wir seit 10 Jahren in vollen Zügen geniessen, sei hier ein Youtube-Film angefügt, dessen Link mir Manuel Mossdorf am 18. Februar 2014 per Mail zukommen liess:

 

Paris - Vue du Ciel - Secret d'Histoire

(Hier anklicken! Vollbild wählen)

 

Hier eine kleine Vorschau!

Nichts von dem gäbe es zu bestaunen,

wäre der Krieg wie andernorts ausgetragen worden.

 

Warum dürfen wir seit dem Eintritt in den dritten Lebensabschnitt - seit mehr als einem Jahrzehnt - immer wieder in diese historisch, baulich, kulturell intakte Stadt an der Seine zurückkehren und uns hier „chez nous“ fühlen?

 

„Puisque l'ennemi qui tenait Paris a capitulé dans nos mains, la France rentre à Paris, chez elle.“

 

Weshalb hat der Feind kapituliert? Er war noch längst nicht am Ende seiner Kräfte. Hitler war seit dem Attentatsversuch Stauffenbergs (20. Juli 1944) besonders gereizt und unnachgiebig. Und wie war das mit dem „capitulé dans nos mains“, da doch unbestreitbar der militärische Gegner der Besatzer das V. US-Korps war?


Meine Neugierde war geweckt.

Sie brachte mich virtuell mitten in die USA, nach Abilene im Bundesstaat Kansas. Dort wuchs der spätere Präsident Dwight D. Eisenhower zusammen mit seinen fünf Brüdern auf. Nach seinem Tod (28. März 1969) entstand in Abilene die Eisenhower Library. Dort liegen die Akten der 4th Infantry Division aus dem 2. Weltkrieg auf vielen Mikrofilm-Rollen gespeichert. Wie kommt man, ohne sich vom Schreibtisch weg zu begeben, zu irgendwie gearteten Kopien? Es gelang: ich bekam - auf meinen PC geliefert - die Fotos von 2'403 Aktenstücken. Wie das möglich war? Ich werde davon berichten.

 

"Im Ernstfall ist alles anders", hörte man oft in Übungsbesprechungen. Dass ich nicht lache. Die vielen durchgelesenen amerikanischen Rapporte und Befehle aus einer Zeit, wo es ernst galt, brachten mich zu ganz anderen Überzeugungen. 1'500 Diensttage habe ich in allen Waffengattungen - von der Kavallerie bis zu den Lenkwaffen - immer fern jeglichen Feindbeschusses - abgeleistet, aber meist dann, wenn etwas schief lief oder gelaufen war (Militärjustiz). Mir begegnete beim Durchstöbern dieser Akten der Vierten viel Bekanntes: der Vormarsch über den Kartenrand zum Beispiel. Ich kann mich daher im Folgenden ab und zu fauler Bemerkungen nicht enthalten.


 Französischer Mentalitätswechsel 1994/2014

 

Am Fernsehen hatte ich erlebt, wie 1994 der Staatspräsident François Mitterand und sein Gegner und Nachfolger, der Pariser Stadtpräsident Jacques Chirac, das Jubiläum zum 50. Jahrestag der Befreiung der Hauptstadt Frankreichs vor dem Hôtel de Ville feierten. Ich hielt damals diese im Cocorico-Stil, wie es meine Schwägerin Verena nennen würde, abgehaltenen Festivitäten auf einer VHS - Kassette fest. Vermutlich muss ich keine Zeit versäumen, den Film nochmals über mich ergehen zu lassen. 2014, kaum hatte ich begonnen, mich mit dem Thema zu beschäftigen, setzten die Franzosen zur Feier des 70e anniversaire de la libération de la France et de la victoire sur le nazisme an. Derzeit gibt es in Frankreich nicht viel zu feiern. So schien es mir erklärbar, dass man das ordentlicherweise alle Vierteljahrhunderte zu begehende Jubiläum um fünf Jahre vorzog. Wer weiss, was bei den derzeitigen trüben Aussichten in fünf Jahren sein wird?

 

Das Programm in der Kapitale war aussergewöhnlich reichhaltig. Ich näherte mich ihm mit grosser Vorsicht und Zurückhaltung. Ich erwartete die Bestätigung, dass es dringend notwendig sei, den Anteil der Vierten an der Befreiung wenigstens einmal herauszuarbeiten.

 

Meine Arbeit ist überflüssig! Mit grosser Genugtuung muss ich feststellen, dass das aktuelle Frankreich, dem man oberflächlich nichts mehr zutraut, zwar in den letzten zehn Jahren viel Firnis verloren hat. Da und dort fiel der Verputz ab. Puder wurde vom Winde verweht. Schminke verblasste. Es blieb...die Wahrheit. Was es zu loben gibt, wird hervorgehoben. Auch das Tadelnswerte. Die Selbstkritik ist gesund und selbstbewusst, nicht selbstquälerisch. Es gibt keine Nestbeschmutzung, jedoch alles, was man unter positiver Erinnerungskultur verstehen mag. Zeitzeugen - es gibt sie noch - kommen zu Wort. Sie berichten ohne Beschönigung.

 

Im offiziellen Buch zur Ausstellung im Hôtel de Ville kommt an erster Stelle der 30 "Protagonistes d'août 1944" der Kommandant der 4. Infanterie-Division: General Raymond O. Barton (1889-1963). Nun: das entspricht auch der alphabetischen Reihenfolge. Aber: Charles de Gaulle, der unmittelbar nach dem Eintritt des Erfolges - eben im rechten Augenblick - auf die Bühne trat, ist nicht dabei, Leclerc an 11. Stelle, nämlich unter dem Buchstaben H (Hauteclocque). Zu Barton wird angemerkt:

 

"Discret, il laisse à la 2e DB la gloire de la Libération."

 

Er ist so diskret, dass man ihn wohl auch in Amerika nicht kennt. Leclerc behandelte ihn, den gleichrangigen Kameraden, in der Stunde des Sieges - politisch geboten - wie einen Hund.

 

Am Jubiläumstag zeigte TV France 3 den Dokumentarfilm von Serge de Sampigny "Ils ont libéré Paris" (anklicken für Trailer)- ein Meisterwerk an Reichhaltigkeit des Materials, Gründlichkeit der Recherche und Ausgewogenheit der Darbietung.

Adresse zum Herunterladen in diesem geschützten Bereich.

 

Die Stadtpräsidentin von Paris, Anne Hidalgo, lobt den Mut und die exemplarische Entschlossenheit, mit der die 2e Division blindée des Generals Leclerc Paris gestürmt habe. Das darf sie mit Fug und Recht. Für die Verzögerungen, die sich die Führung der Truppe zuschulden kommen liess, wurde ihr Kommandant vom amerikanischen Korpskommandeur ausgescholten - das ist erledigt. Madame la maire, wie Anne Hidalgo genannt sein will, fährt dann fort:

 

 "Cette victoire de la liberté est aussi celle de la solidarité: celle des Français unis pour faire triompher dans la capitale les valeurs de leur République, mais aussi bien au-delà celles des hommes et des femmes venus de tous les horizons pour rendre à la liberté la ville de toutes les révolutions."

 

Es ist erlaubt und angezeigt, das mit der berühmten, viel zitierten und gehörten Rede de Gaulles zu vergleichen. Welch ein Wandel! Frankreich ist offenkundig in Schwierigkeiten, aber es hat die Kraft zum Wandel. Das schöne Land und sein gescheites Volk sind noch lange nicht verloren!

 An diese von der Pariser Bügermeisterin Hildalgo hervorgehobene bewusste oder auch unbewusste Solidarität, mag sie durch die Umstände erzwungen oder freiwillig erbracht worden sein, ist zu denken. Wir sind aus besonderen Blickwinkeln heraus, in Kenntnis bloss ausgewählter Informationen rasch bereit, die USA und Grossbritannien zu verurteilen. Aber viele ihrer Söhne und Töchter haben mit dem Leben bezahlt, dass wir es hier in Paris so einzigartig schön haben. Soweit aus egozentrischer Warte. Oder allgemeiner gesagt: Dass wir in Westeuropa seit 70 Jahren in Demokratie und Freiheit, in Frieden und Wohlstand leben.


Nochmals ein ernsteres Thema:

 

Munition kennt weder Feind noch Freund.

 

20'000 Zivilpersonen

 

sind allein in der Zeit von der Landung bis zur Befreiung von Paris den Bombardementen und dem gegenseitigen Beschuss der Kriegsparteien zum Opfer gefallen. Nicht zu reden von den Sachschäden. Die alliierte Luftüberlegenheit wird viel zu hoch gewertet (auch in den modernen Kriegen). Vorbereitendes Bombenfeuer der Luftwaffe schuf Krater in ungedecktes Terrain, so dass es der feindlichen Infanterie Deckungen verschaffte, die nicht erst mühselig gebaut werden mussten. Den eigenen Panzern verhinderte das rasche Vorstösse. Es erforderte, beim Aussteigen aus dem Krater die verletzliche Unterseite des Tanks zu zeigen. Oder die Kraterlandschaft machte ein taktisch gefährliches kanalisiertes Kolonnenfahren anstelle eines wirkungsvollen Angriffs in der Breite notwendig. Die eigene Infanterie musste sicherheitshalber weit zurückgenommen werden, sonst waren die Verluste durch eigenen Fliegerbeschuss - wie leider oftmals geschehen - gross; die dadurch verlängerte Distanz nahm der infanteristischen Attacke Schwung und Überraschung. Ich glaube, die Infanterie- und Panzerführer haben das Thema nicht anzusprechen gewagt. Auch hier: die Wahrheit würde zu grösserer Effizienz und weniger Opfern führen als das Übertünchen.

 

Man wird dem Krieg nichts Positives abgewinnen können als die Vertreibung Hitlers. Immerhin. Wie wäre es denn sonst möglich gewesen? Die Pazifisten der Dreissigerjahre haben sich zum Handlanger des Menschenverächters gemacht. Pazifismus kann sich nur der erlauben, der den Krieg als fern einschätzt, und er muss Sorge tragen, dass er durch die Umstände nicht zum Kollaborateur des Kriegstreibers wird.


Soldaten haben ein Gesicht

 

Soldaten haben Angst. Das Gewehr ist die Waffe dessen, der sich fürchtet. Soldaten sind Menschen - sie sind schwach. Und es sind Soldaten, nicht Generäle, die den von diesen befohlenen Krieg führen. Darum geschieht auch da Menschliches und Allzu-Menschliches, Soldatisches und Allzu-Soldatisches.


Soldaten tragen auf den Schultern zwischen den Einheitsnummern einen Kopf. Soldaten haben ein Gesicht. Der Krieg wurde umso grausamer, je anonymer er geführt werden konnte. Gelitten und gestorben wird nicht von Anonyma, sondern von Individuen, von denen jedes von einer Mutter geboren wurde. Für die amerikanischen Berichterstatter und die Generäle, die oft mit den Journalisten zu tun hatten, sind die Angehörigen der deutschen Streitkräfte die „Krauts“, die „Heinis“, die „Nazis“. Für die Männer an der Front, die dem kämpfenden, dem gefangenen, dem verwundeten, dem vor Schmerz schreienden, dem für immer schweigenden Gegner ins Gesicht schauen, ist er ein Objekt persönlichen Hasses, der Kamerad auf der falschen Seite oder gar der Oberleutnant Walter Ohmsen, den man beim Namen kennt und wegen seines soldatischen Verhaltens bestaunt, oder der Leutnant Friedrich Lengfeld, den man wegen seiner Menschlichkeit mit einer bronzenen Gedenktafel ehrt. Daher ist es keine Überraschung, dass Kriegsverbrechen von Leuten der Vierten – Meuchelmord aus Wut und Rache an Deutschen, die sich schon ergeben hatten – nur in den allerersten Tagen der Invasion stattfanden – soweit man weiss.

 

Und nochmals  pro memoria:

Soldaten haben ein Gesicht