Blog zu "Paris libéré" (s. Menü links aussen)

 

 

Vor der Geschichte und realpolitisch gilt als Befreier von Paris der Desperado von London, Charles de Gaulle, der zwar grossgewachsene, aber kleine Brigadegeneral, der Mann ohne Land, ohne Geld und ohne autonome Streitkräfte, hartnäckig, lästig, pathetisch, aber vor allem ausgerüstet mit einem stringenten Konzept, das er unbeirrt, ja stur verfolgte. Paris war befreit, als er ankam, aber zur Siegesparade war er da und er stellte sich an deren Spitze. In London besass er keinen Finger, um eine Faust zu bilden. Wirksame Hilfe konnten ihm nur zwei Mächte verschaffen: im Feld die Amerikaner und im Untergrund die Kommunisten. Die Amerikaner sahen Paris als eine Stadt, die ein alliiertes Besatzungsregime erforderte. Die wohlorganisierten, schlagkräftigen Kommunisten hatten nur ein Ziel: die Machtergreifung. De Gaulle hintertrieb es, dass die Amerikaner die von ihnen erzwungene Kapitulation der Deutschen entgegennehmen konnten; er übernahm das für sie und erst noch in eigenem Namen. Die militanten Kommunisten dienten ihm als Steigbügelhalter zur Macht, liessen sich in die Disziplinargewalt der gaullistisch geführten französischen Streitkräfte einordnen und kamen in der Folge wie die Fremdenlegionäre unter westalliiertem Oberkommando auf den fürchterlichen Schlachtfeldern der Befreiung Europas um.

 

Neben dieser Realpolitik, die De Gaulle schliesslich dazu führte, gemeinsam mit Adenauer eine westeuropäische Friedensordnung zu schaffen, von der wir seit bald drei Generationen profitieren, gibt es auch noch ein sachliches Substrat der Geschichte - einen Aspekt davon möchte ich behandeln:

 

Die amerikanischen Befreier von Paris

Inhalt aus Martin Blumenson, "The Liberation of Paris"

 

Strategisches Ziel der Amerikaner und Briten ist Berlin. Paris ist eine operativ wegen der Seine-Übergänge zwar interessante Stadt, ihre Befreiung aber würde - siehe Leningrad - monatelange Verzögerungen des Vormarsches verursachen. Ausserdem werde die Besetzung und Besatzung der in amerikanischer Sicht mit Hitler kollaborierenden Stadt enorme Probleme verursachen, weil die Nazikollaborateure ganz gewiss durch die Kommunisten abgelöst würden. De Gaulle aber drängt auf die Einnahme seiner Hauptstadt, die sich im Aufstand gegen die Deutschen befindet. Der schwedische Diplomat Nordling überbringt den Alliierten eine Nachricht, dass der deutsche Stadtkommandant Choltitz bereit wäre, Paris ohne Widerstand zu übergeben. Ein Armeekorps Gerow, bestehend aus der 4. US-Infanterie-Division General Bartons, der französischen 2. Panzer-Division Leclercs und einer britischen Division, die nie eintrifft, wird nun in einer grossen Bewegung auf Paris angesetzt. Choltitz hat eine ernstzunehmende Aussenverteidigung eingerichtet. Der französische Divisionär folgt den gaullistischen De Gaulles, aber den Befehlen der amerikanischen Vorgesetzten kaum. Seine eigenwilligen Verzögerungen und Operationen stören die der amerikanischen Truppen sogar.

Donnerstag, 24. August 1944, abends

Alle guten Gründe, die die französische Seite zur Rechtfertigung der Verzögerungen der französischen Spitzen der beiden Marschkolonnen hätten vortragen können, interessierten die amerikanischen Generäle zu dieser Stunde wenig. Sie wollten nichts anderes als die Einbringung der anvisierten Resultate. Sollte doch die 4. U.S. Infanterie-Division Paris erobern! Ohne Rücksicht auf die Gloire, die Ersten in der bedeutenden Stadt Einmarschierten gewesen zu sein, die den Franzosen wichtig war! "Wenn Choltitz die Stadt ausliefern will, so haben wir ein Abkommen zu erfüllen,“ schrieb General Bradley.

 

Nur noch mit geringen Feindstörungen stürmte aber Langlades "Combat Command" (die eine Spitzengruppe der französischen Panzerdivision) vor­wärts zum Pont de Sèvres. Die grösste Behinderung war der begeisterte Empfang durch die französische Bevölkerung, die auf die Gefechtsfahrzeuge zu schwärmte und sie bestieg; die Befreier wurden mit Blumen, Küssen und Wein gesegnet, was sie verlockte, von ihrer Pflichterfüllung abzulassen. "Gewiss doch, wir lieben Euch“ sollen die gewissenhafteren Soldaten geschrien haben, "aber lasst uns durch!" Als Langlade dennoch am Abend in Sèvres ankam, fand er die wichtige Brücke noch intakt und unvermint. Er sandte sofort einige Tanks über die Seine, wo er einen Brückenkopf in der unmittelbar im Südwesten von Paris gelegenen Vorstadt einrichtete. Die französischen Truppen hatten somit ihre Kapitale doch fast, aber noch nicht ganz erreicht.

 

 

Baron Langlade, der Oberst, und seine Unterführer benützten diese Karte:

Paris (West) 1:50'000, Blatt 10 F/5, Ausschnitt (Foto aus der BNF Richelieu, darum verzerrt), Geographical Section, General Staff N° 4250, 1943. Jedes Quadrat hat eine Seitenlänge von einem Kilometer. Boulogne-Billancourt gehört eindeutig noch nicht zum Stadtgebiet von Paris.


Während Langlade 15 Meilen vorgerückt war, Panzer über die Seine geschickt hatte und Paris quasi touchierte, war Billotte nach einem bitteren Vormarsch von 13 Meilen immer noch fünf Meilen von der Porte d'Orléans, dem nächstgelegenen Zugang zur eigentlichen Stadt Paris, entfernt. Bis zu dem ihm gesetzten Ziel, dem Pantheon, fehlten ihm noch sieben Meilen und bis zur Île de la Cité, dem Herzen der Metropole, noch acht. Dem leichten Einmarsch, den sich die Alliierten noch vor zwei Tagen erhofft hatten, fehlte die Verwirklichung.

 

Chevreuse 1:50'000, Blatt 10 G/1, Ausschnitt (Schwarzweiss-Fotokopie der BNF Richelieu), Geographical Section, General Staff N° 4250, 1943.

Jedes Quadrat hat eine Seitenlänge von einem Kilometer.

Mit dieser Karte operierten Oberst Billotte und seine Unterführer. Auf seinem Original waren immerhin die Wälder grün, die Strassen rot und die Flüsse blau! - Die grösste Niedertracht des Feindes ist sein Aufenthalt über die Kartenecke hinaus, wie Figura zeigt.

Paris (West) 1:50'000, Blatt 10 F/5, Ausschnitt (Schwarzweiss-Fotokopie der BNF Richelieu), Geographical Section, General Staff N° 4250, 1944.

 

Der Geschichtsschreibung zuliebe und um die Nerven der französischen Offiziere nicht noch mehr zu strapazieren, spielte sich das Geschehen nur auf drei und nicht auf vier Karten ab.

Paris (East) 1:50'000, Blatt 10 F/6, Ausschnitt

Donnerstag, 24. August 1944, vor Mitternacht

Obwohl die Deutschen am 24. August wirksamen Widerstand geleistet hatten, schmolz ihre Verteidigungskraft doch dahin. Zu gross war die heran preschende Militärmacht. Choltitz befahl daher Aulock (dem General, der die vorgeschobenen Aussenposten der Pariser Verteidigung oraniserte) im Laufe der Nacht vernünftigerweise den Rückzug hinter die Seine.

 

Auf der anderen Seite entschloss sich Leclerc, in der gleichen Nacht einen besonderen Effort zu unternehmen. Langlade war zwar bei Sèvres praktisch in der Stadt und dort keiner Gegenwehr begegnet. Der Divisionär konnte aber mit ihm nicht kommunizieren, weil, wie die Franzosen zugaben, zwischen den drei Kolonnen und mit dem Kommandanten keine Kommunikation bestand. Die Verbindungen waren unterbrochen! Darum befahl Leclerc Billotte direkt, ein kleines Detachement Tanks und Halbkettenfahrzeuge in die Stadt infiltireren zu lassen. Ein bescheidener Trupp unter dem Kommando von Hauptmann Dronne rollte auf Seitenstrassen und Hintergassen durch die südlichen Vorstädte. Zivilisten schoben die Bäume weg, die sie entlang der Strassen in der Absicht, die Besatzer in ihren Bewegungen zu behindern, gefällt hatten. Sie bepflästerten die Fahrwege wieder, die sie zum Barrikadenbau aufgerissen hatten. Und sie führten Dronne und seine Leute in die Hauptstadt. Diese drangen bei der Porte de Gentilly, zwischen der Porte d'Orléans und der Porte d'Italie, in das ersehnte Ziel ein. Auch dort folgten sie schmalen Strassen; sie überquerten die Seine auf dem Pont d'Austerlitz, fuhren entlang dem rechtsufrigen Quai und erreichten das Hôtel de Ville kurz vor Mitternacht.

Paris (East) 1:50'000, Blatt 10 F/6, Ausschnitt

Freitag, 25. August 1944 bis zum Mittag

General Barton hatte seine 4. US-Division bei Arpajon besammelt. Sein 12. Infanterieregiment lag Paris am nächsten. Es hatte über 1'000 Verluste erlitten, als es bei Mortain der 30. Division zugeteilt war; nun brauchte es einen moralischen Schub. Aus diesen Gründen ausersah er dieses Regiment, am 25. August in Paris einzumarschieren. Es folgte motorisiert der Strasse durch Athis-Mons und Villeneuve-le-Roi. Maschinengewehrfeuer zwang es, vom Ostufer der Seine abzuweichen und weiter entfernt vom Strom gegen Paris vorzurücken. Dort begegneten die Amerikaner keinem Widerstand mehr. Aufgeklärt wurde der Marsch durch die 102. Cavalry Group. Sie erreichte die Kathedrale der Notre Dame noch vor der Mittagszeit. Als einziges Hindernis meldete sie das enorme Gedränge der Pariser Bevölkerung in den Strassen; alle wollten die Truppen willkommen heissen.

 

 

Während das amerikanische Militär die Osthälfte von Paris sicherte, hielten die Franzosen den Westen. Langlades Kommando rückte bis zum Arc de Triomphe vor, Billottes Truppen drangen zum Châtelet vor. Die Vorhut jeder dieser beiden Kolonnen erreichte später den Rond Point des Champs Elysées. Dios (Kommandant des zweiten Spitzenverbandes) Leute waren in zwei Task Forces aufgeteilt, die sich einenteils zur École Militaire (Champs de Mars, Eiffelturm) und andernteils zum Abgeordnetenhaus, dem Palais Bourbon, vorschoben. Etliche heftige Kampfhandlungen wickelten sich mit Deutschen ab, die sich in öffentlichen Gebäuden verschanzt hielten. Von diesen hatten einige hohen historischen Wert: das Palais du Luxembourg, das Aussenministerium am Quai d'Orsay, das Palais Bourbon, das Hôtel des Invalides und die École Militaire u.a. Die Franzosen befanden sich erneut – und dies noch in verstärktem Masse – in ihrem angestammten Dilemma.

Blumenson, Map 18. Into the City, 25 August


Paris (West) 1:50'000, Blatt 10 F/5, Ausschnitt

Paris (East) 1:50'000, Blatt 10 F/6, Ausschnitt


 

Mit diesen Karten orientieren sich sie zumeist ortsunkundigen Alliierten, soweit sie nicht von der Hochzeitsreise her noch zufällig einen Ortsplan in der Tasche hatten. Immerhin hatte Barton, der kommandierende General der Vierten, 1922 in Paris geheiratet, womit er wohl die ganz grosse Ausnahme gewesen sein dürfte. Er war zu jener Zeit Besatzungsoffizier in Deutschland.

 

 

Zur Stadtgemeinde gehören das vom inneren Autobahnring eingeschlossene Gebiet und der Bois de Boulogne sowie der Bois de Vincennes.

Bois de Boulogne

Paris (West) 1:50'000, Blatt 10 F/5, Ausschnitt (Foto aus der BNF Richelieu, darum verzerrt), Geographical Section, General Staff N° 4250, 1943. Jedes Quadrat hat eine Seitenlänge von einem Kilometer.

 

Ungefähr 2000 Deutsche lagen im Bois de Boulogne, der auch zum Stadtgebiet gehört und recht unübersichtlich ist. Um einen fanatischen, verzweifelten letzten Kampf zu vermeiden, der irreparable Schäden in der Stadt verursacht hätte, war nun die formelle Kapitulation des Generals Choltitz nötig. Nordling (der schwedische Unterhändler) unterbreitete ihm jenes Ultimatum, vor das ihn Billotte stelllte. Choltitz aber lehnte es ab, sich zu ergeben.

Freitag, 25. August 1944, nachmittags

Einheiten des 12. US Infanterie-Regiments besetzten die Bahnhöfe Austerlitz, Lyon und Vincennes (heute Opéra Bastille). Rekognoszierungselemente stiessen nach Nordosten und nach Osten in die Vororte der Stadt vor.


Paris (East) 1:50'000, Blatt 10 G/1, Ausschnitt (Schwarzweiss-Fotokopie der BNF Richelieu), Geographical Section, General Staff N° 4250, 1943. Jedes Quadrat hat eine Seitenlänge von einem Kilometer.


Französische Panzer kesselten das Hôtel Meurice kurz nach dem Mittag ein. Dabei steckten sie verschiedene deutsche Fahrzeuge unter den Arkaden der Rue de Rivoli in Brand. Die Franzosen warfen Rauchgranaten in die Hotelhalle. Ein junger französischer Offizier platzte in den Raum, in dem sich Choltitz aufhielt, und rief in der Aufregung: "Sprechen Sie Deutsch?“ "Wahrscheinlich besser als Sie,“ antwortete Choltitz gelassen; er erlaubte, dass man ihn gefangen setzte.

 

Der, der ihn gefangen nahm, war der elsässische Leutnant Henri Karcher.

 

Leclerc (der Kommandant der französischen 2. Panzerdivision) hatte seinen Kommandoposten im Montparnasse-Bahnhof eingerichtet. Aber er begab sich zur Polizeipräfektur, weil im Gegensatz zu einem Bahnhof dieses Gebäude mit der staatlichen Gewalt identifizierbar war. General Barton (der Kommandant der amerikanischen 4. Infanteriedivision), der sich an die Spitze seiner Division gestellt hatte und sich daher in Paris befand, wünschte Leclerc zu sehen, um mit ihm die Dispositionen der Divisionen zu koordinieren – militärisch-logisch betrachtet unabdingbar und dringend. Es gelang Barton, Leclerc ausfindig zu machen. Dieser war gerade beim Lunch. Die Serviette in der Hand kam er verärgert über die Störung aus der Präfektur auf die Strasse zu Barton. Er lud ihn nicht ein, mit ihm zu lunchen, sondern schickte ihn zum Montparnasse-Bahnhof zurück; er solle dort auf ihn warten! Barton war einerseits hungrig und andererseits durch das ungehörige Verhalten des Franzosen genervt. "Ich bin nicht in Paris, weil ich mir das wünschte, sondern weil man mich hierher befohlen hat!“ würgte er heraus. Leclerc zuckte seine Schultern: "Wir sind beide Soldaten!“ entgegnete er knapp und unhöflich. Barton begab sich dennoch zur Gare Montparnasse, wo er General Gerow, den Kommandeur des siegreichen Korps (unmittelbarer gemeinsamer Vorgesetzer des französischen und des amerikanischen Divisionskommandanten), traf, „already taking charge of the enormous responsibility of Paris.“ Dachten die Amerikaner.


Leclerc aber hatte gute – politische – Gründe, sich die Amerikaner vom Leibe zu halten. Statt mit Choltitz im Montparnasse-Bahnhof, in Leclercs Hauptquartier, zu verhandeln, was doch einem normalen Prozedere entsprochen hätte, brachten ihn die Franzosen, die ihn gefangen genommen hatten, in die Polizei-Präfektur, wo ihn Leclerc bereits erwartete. Dort unterzeichnete Choltitz auch die formelle Kapitulationakte in der Gegenwart von Leclerc und dem Kommandanten der Pariser FFI, die zusammen und als Gleichberechtigte Choltitz' Kapitulation akzeptierten – nicht als Vertreter des Supreme Commander - Allied Expeditionary Force, sondern im Namen der Provisorischen Regierung Frankreichs. Kopien des Dokumentes wurden rasch reproduziert und von Spezialteams französischer und deutscher Offiziere unter die noch in der Stadt befindlichen deutschen Kampftruppen verteilt. Alles ergab sich, eingeschlossen eine starke Gruppe von 700 Mann mit mehreren Tanks im Jardin du Luxembourg. Die Truppen im Bois de Boulogne jedoch ergaben sich nicht.

 

Das V. Korps General Gerows machte ungefähr 10'000 Gefangene in der Stadt und gelangte zu einer gigantischen Menge Informationen aus FFI-Quellen.

 

Im erbitterten Kampf um die politische Macht innerhalb der Kapitale hatten sich die Gaullisten als schlauer, cleverer, scharfsinniger und disziplinierter erwiesen als ihre Gegner. Aus dem Aufstand vom 19. August hatten sie Vorteile herausgeholt. Sie besetzten sofort den Regierungssitz und nahmen die Zügel der politischen Kontrolle fest in die Hand.

 

Choltitz wollte keine falschen Vorstellungen bei den Alliierten aufkommen lassen über seine intakten Möglichkeiten, die Brücken und öffentlichen Gebäude zu zerstören, aber er hatte auch deutlich gemacht, dass er trotz des Druckes von oben, dem er ausgesetzt war, das selbst nicht wollte und daher keine entsprechenden Befehle gegeben hatte. Er bestand auch darauf, dass allein das Eintreffen der alliierten Streitkräfte Paris davor bewahre, in Flammen aufzugehen. Er gab an, weder Minen noch Sprengfallen in der Stadt gelegt zu haben. Er habe lange vor der Kapitulation die Überzeugung gehabt, dass es hoffnungslos sei, die Stadt zu verteidigen. Darum habe er auch keine grossen Schritte in diese Richtung unternommen. Er behauptete, der Krieg unter den französischen politischen Fraktionen habe alle seine Erwartungen übertroffen. Er betonte auch, dass er verdammt froh sei, die Aufgabe loszuwerden über Paris und über die Franzosen zu wachen, "both of which he apparently detests". (Blumenson, S. 618 unter Hinweis auf Sylvan Diary, 29 Aug.)

 

 

The Aftermath/Die Nachwirkungen

 

Paris war befreit, aber eine weitere Szene war notwendig - der Auftritt von General de Gaulle. Er kam unangemeldet am Nachmittag des 25. August zu einem enthusiastischen Empfang mit wahnsinnig jubelnden Parisern in die Stadt. Die Demonstration überzeugte ihn, einen offiziellen Auftritt zu machen, um eine prekäre politische Einheit zu stärken und seine persönliche Macht zu zeigen. Er bat daher Leclerc, einen Teil der 2. französischen Panzerdivision für eine Parade vom Etoile zum Place de la Concorde einzusetzen; und durch General Koenig, der auch in der Hauptstadt als der vom Gaullisten ernannte Militärgouverneur fungierte, lud de Gaulle Gerow und seinen Stab ein, zusammen mit einem amerikanischen Offizier und zwanzig Männern und einer ähnlichen Anzahl von Briten teilzunehmen.

 

Gerow war schwerlich bereit, dem nachzukommen. Obwohl die Situation "ruhig in der Pariser Kernregion bis auf einige Scharfschützen" war, behaupteten Gruppen von isolierten Deutschen südwestlich von Paris bei Meudon und Clamart, im östlichen Teil bei Vincennes und Montreuil und nördlich von Paris bei Montmorency und le Bourget Ausnahmen von Choltitz' Übergabebedingungen. Neben diesen Kräften hielt noch eine andere Gruppe den Bois de Boulogne.


Hochrangige deutsche Kriegsgefangene im Hôtel Majestic

General von Choltitz kurz nach seiner Kapitulation


 

Darüber hinaus stellte Paris sowohl für die Zivilbevölkerung als auch für die Truppen ernste Kontrollprobleme dar, insbesondere wegen der Gefahr, dass die Befreiungshysterie auf die Soldaten übergreifen könnte. Der Gedanke an einen deutschen Luftangriff auf eine Stadt mit nicht verschärften Verdunkelungsregeln und unzureichender Flugabwehr trug kaum zu Gerows Seelenfrieden bei. Die Deutschen nördlich und östlich der Stadt waren zum Gegenangriff fähig. Gerow hatte das Gefühl, dass die Stadt immer noch nicht richtig gesichert sei, erwartete Ärger, wenn zeremonielle Paraden abgehalten würden, und wünschte, dass die Truppen kampfbereit für jeden Notfall wären; er befahl daher Leclerc, den Feindkontakt aufrechtzuerhalten und die Deutschen nördlich der Hauptstadt zu verfolgen.

 

Leclerc antwortete, dass er dies nur mit einem Teil seiner Leute tun könne, denn er stelle Truppen für de Gaulles offiziellen Eintritt zur Verfügung. Leclerc erkannte Gerow als seinen Militärchef an und erklärte, dass aber de Gaulle das Oberhaupt des französischen Staates sei. Tief beunruhigt, weil die Befehlskette de Gaulle-Leclerc die alliierte Befehlsstruktur ignorierte, schrieb Gerow Leclerc in einer scharfen Notiz:

 

Sie operieren unter meinem direkten Kommando und nehmen keine Aufträge aus anderen Quellen an. Wie ich höre, wurden Sie von General de Gaulle angewiesen, Ihre Truppen heute Nachmittag um 14.00 Uhr vorzuführen. Sie werden diese Befehle missachten und mit der Ihnen zugewiesenen Mission fortfahren, alle Widerstände in Paris und Umgebung innerhalb Ihrer Aktionszone zu beseitigen.

Ihr Kommando wird nicht an der Parade heute Nachmittag oder zu irgendeiner anderen Zeit teilnehmen, ausser auf meinen persönlichen Befehl.

 

Um das zu Protokoll zu geben, teilte (Korpskommandant) Gerow (Armeegeneral) Hodges mit, dass er "General Leclerc angewiesen habe, diese Befehle [von de Gaulle] zu missachten und seinen Auftrag zur Räumung des Pariser Gebiets auszuführen".

 

Einige Mitglieder des Stabes von Leclerc waren angeblich "wütend, weil sie von den Operationen abgelenkt wurden, aber sagen, dass Le Clerq (Schreibweise in der amerikanischen Korrespondenz) Befehle erhalten hat und sie nichts dagegen tun können". Sie waren sich sicher, dass die Parade "die französische Division so durcheinander bringen werde, dass sie für eine Notoperation für mindestens 12 Stunden, wenn nicht mehr, nutzlos sei".

 

Von widersprüchlichen Loyalitäten zerrissen, appellierte Leclerc an de Gaulle für eine Entscheidung. Zu einem amerikanischen Anwesenden sagte de Gaulle angeblich: "Ich habe Ihnen Leclerc gegeben; sicher kann ich ihn für einen Moment zurückhaben, oder?"

 

Obwohl Barton vorschlug, dass Gerow Leclercs Zufuhr an Benzin, Vorräten und Geld kappen könnte, fühlte Gerow, dass es unklug gewesen wäre, wie er später schrieb, "die Parade durch den Einsatz von US-Truppen zu stoppen, also war die einzige Aktion, die ich unternommen habe, dass alle US-Truppen von den Strassen abgezogen und bereit gehalten wurden, jede Unruhe niederzuschlagen, sollte sie auftreten".

 

Gerows Sorge war nicht weit hergeholt. Als Hitler erfuhr, dass alliierte Truppen in die französische Hauptstadt einmarschierten, fragte er: "Brennt Paris?" Die Antwort war negativ. Da befahl er der Langstreckenartillerie, den V-Waffen und der Luftwaffe, die Stadt zu zerstören. Speidel und Choltitz behaupteten später, die Ausführung dieses Auftrags behindert zu haben, angeblich entgegen dem Wunsch von Model.

 

Verstreute Schüsse und einige Unruhen begleiteten de Gaulles triumphalen Einzug vom 26. August. Ob deutsche Soldaten, Kollaborateure und Sympathisanten, übereifrige FFI-Mitglieder oder unvorsichtige französische Truppen verantwortlich waren, blieb unbekannt, aber Gerow befahl Leclerc, "das wahllose Schiessen auf den Strassen von Paris einzustellen". Zehn Minuten später befahl Leclerc, alle individuellen Waffen seinen Soldaten wegzunehmen und unter strenge Bewachung zu stellen. Kurz darauf kamen 2.600 Deutsche mit erhobenen Händen aus dem Bois de Boulogne. Sie hätten stattdessen die Stadt während der Parade beschiessen können. Aus Einsicht in das, was hätte passieren können, bedauerten de Gaulle und Koenig später, dass sie auf einer Parade bestanden hatten; sie erklärten sich bereit, in Zukunft mit dem amerikanischen Kommando zusammenzuarbeiten. (Welch schöne Mär für des Rekruten Gute-Nacht-Geschichtchen!)

 

General de Gaulle. Zu seiner Linken: General Koenig, hinter ihm: General Leclerc.

 

Ein Teil der Division Leclercs hatte sich am 26. August gemäß den Anweisungen von Gerow in Richtung Aubervilliers und St. Denis verschoben, und zwei Tage später, nach einem dreistündigen Kampf mit Elementen der deutschen 348. Division (kürzlich aus dem Pas-de-Calais gekommen - in Lexikon der Wehrmacht gilt sie als in der Normandie vernichtet!), die Franzosen nahmen Le Bourget und den Flugplatz ein. Einige französische Einheiten eroberten Montmorency am 29. August, während andere die Schleife der Seine westlich von Paris von Versailles nach Gennevilliers räumten und isolierte feindliche Gruppen in Gewahrsam nahmen, die sich geweigert hatten, sich der FFI zu ergeben.

 

 

Zur gleichen Zeit hatte die 4. US-Division am 25. August bei Corbeil Brückenköpfe an der Seine errichtet, den östlichen Teil von Paris geräumt und nach dem Zusammenschluss im Bois de Vincennes am Nachmittag des 27. August begonnen, in Richtung Nordosten vorzurücken. Zwei Tage später waren die Truppen weit jenseits der äussersten Grenzen von Paris.

 

Bis zum 27. August waren alle Ziele des Korps Gerows "weit ausserhalb der Pariser Grenzen" erreicht. Zur weiteren Fortführung des Angriffs nach Osten entliess das V. Korps die französische Division, behielt das Kommando über die 4. US-Infanterie-Division und erhielt die 28. Infanterie- und die 5. Panzerdivision.

Die Entwicklungen, die zur Freigabe der französischen Division führten, begannen bereits am 26. August, als General de Gaulle General Eisenhower schrieb, um ihm zu danken, dass er Leclerc den Auftrag zur Befreiung von Paris übertragen hätte. Er erwähnte dabei aber auch, dass, obwohl Paris nach allem, was passiert sei, "in der bestmöglichen Ordnung ist", er es jedoch für "absolut notwendig hält, [die Division] vorerst hier zu behalten". Am 27. August plant Eisenhower einen Besuch in Paris, um mit de Gaulle über diese und andere Fragen zu sprechen und um ihm "zu zeigen, dass die Alliierten an der Befreiung teilgenommen haben"; er lud General Montgomery ein, ihn zu begleiten. Als Montgomery mit der Begründung ablehnte, er sei zu beschäftigt, gingen Eisenhower und Bradley ohne ihn nach Paris. Bei dieser Gelegenheit äusserte de Gaulle "Furcht vor den Verhältnissen in Paris" und er bat darum, dass ihm zwei US-Divisionen zur Verfügung gestellt würden, um die Machtverhältnisse zu demonstrieren und um seine Position zu festigen. Da General Gerow empfohlen hatte, Leclerc in Paris zu behalten, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, stimmte General Eisenhower, der schon zuvor daran gedacht hatte, Leclercs Truppen für Besatzungsaufgaben in der Hauptstadt zu nutzen, zu, die französische Division "vorläufig" in Paris zu stationieren. Um de Gaulle die amerikanische Stärke vor Augen zu führen und gleichzeitig deutlich zu machen, dass de Gaulle Paris durch die Gnade Gottes und die Kraft der alliierten Waffen empfangen hatte, plante Eisenhower, eine amerikanische Division in Kampfformation durch Paris an die Front zu führen.


Aus dem Tagebuch des Armee-Generals Hodges

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Dienstag, 29. August 1944: Der General verliess den KP kurz nach zwölf Uhr, um die triumphale Parade auf den Champs D'Elysées (Champs-Élysées) der 28. Division, dreier Feldartillerie-Bataillone, eines Panzer-Bataillons und der Fusstruppen zu besuchen. General Bradley und General De Gaulle, General Koenig und General Le Clerc gehörten zu denen, die auf der Tribüne an der Place de la Concord [Concorde] standen. Nach der Parade fuhr die Gruppe [der Honoratioren] die grosse Avenue hinauf, wo sie am Arc de Triumphe[Triomphe] anhielt, um General Bradley zu erlauben, einen Kranz am Grab des unbekannten Soldaten niederzulegen. General De Gaulle verliess die Tribüne, bevor die Parade zu Ende war - ein Weggang, der, obwohl General Bradley nichts dagegen einzuwenden hatte, dennoch die meisten anwesenden Person als unhöfliche Geste beeindruckte - ein weiterer Vorfall, der die jetzt allgemein akzeptierten Meinung bestätigte, dass De Gaulle tatsächlich eine sehr temperamentvolle [launenhafte, unberechenbare] Person sei. General Hodges war sehr beeindruckt vom Auftritt der 28. Division, die elegant marschierte und die Pariser, die die Strassen säumten, zeigten ihre Begeisterung durch wildes Jubeln und Anfeuern.

 

General Collins schien heute Abend ein wenig beunruhigt zu sein, weil das V. Korps an seiner linken Flanke wenig Fortschritte gemacht hatte (Kunststück, wenn die zur Linken operierende französische Division abgezogen und die sie ersetzende am Defilieren ist!), aber der General (Gerow) versicherte ihm, dass sie morgen aufbrechen würden. Das VII. Korps selbst hat sich über Soissons hinaus entwickelt und seine Infanterieeinheiten besetzen bereits Chateau-Thierry und Soissons. Das XIX. Korps schiebt sich allmählich aus dem einst schmalen Brückenkopf über die Seine bei Mantes [Mantes-la-Ville] heraus, wobei das XV. Korps heute um zwölf Uhr mittags abgezogen wurde, um sich wieder zu regruppieren und dann zur Dritten Armee zurückzukehren. Das Wetter war heute wieder schlecht, was die Aktivität der Luftwaffe einschränkte.


 Vorgeblich eine Zeremonie, aber in Wirklichkeit ein taktisches Manöver, das als Marsch nach vorne konzipiert wurde, würde die Parade amerikanische Stärke in der französischen Hauptstadt demonstrieren und die Division durch die Stadt bringen - ein ernstes Problem wegen der Verkehrsüberlastung - um Leclercs Division zu entlasten. Während sich die 5th Armored Division in der Nähe von Versailles für ihr bevorstehendes Engagement besammelte, führte General Cota die 28th Division am 29. August (von der Avenue Hoche herkommend) die Champs Elysées hinunter und durch weitere Arrondissements zum nördlichen (nordöstlichen) Stadtrand. Es war eine prächtige Parade, die von Bradley, Gerow, de Gaulle, Koenig und Leclerc von einer auf den Kopf gestellten Bailey-Brücke abgenommen wurde.

 

Die 28. US-Infanterie-Division defiliert am 29. August auf den Champs Élysées

Französische Widerstandskämpfer (FFI) marschieren in einer Pariser Befreiungsparade.

 

Die Motive hinter de Gaulles Forderung, die Division von Leclerc in Paris zu belassen, waren zwei, möglicherweise drei. Er wollte vielleicht einfach die Spannungen zwischen Leclerc und Gerow beseitigen, indem er den Transfer von Leclerc zurück zu Pattons Dritter Armee diplomatisch sicherte. Mehr noch: das Begehren offenbarte einen Mangel an Vertrauen in die Grundhaltung seines französischen Volkes. Obwohl ihm am 23. August von einem seiner wichtigsten politischen Berater versichert worden war, dass "die Autorität der Provisorischen Regierung der Republik von der gesamten Bevölkerung anerkannt wird", erweckte er zumindest einem Beobachter den Eindruck, er sei sich seiner selbst politisch nicht ganz sicher. Schliesslich schien de Gaulle nicht zu wissen, "was er mit der F.F.I. tun oder wie er sie am besten einsetzen oder kontrollieren sollte", denn da die FFI ihre Waffen behalten durfte, schien sie unmittelbar nach der Befreiung die "schlimmste Gefahr in Paris" zu sein.

 

     Die FFI war der einzige Weg, um alle Widerstandsbewegungen zu vereinen und war zur Zeit der Befreiung vielleicht die größte moralische Kraft in Frankreich. Doch aktiver Widerstand durch die FFI hatte sowohl die Rücksichtslosen als auch die Wagemutigen angesprochen. Mit der Ankunft der Soldaten von Leclerc wurde die FFI in der Hauptstadt zur "Bande der vergessenen Männer". Einige verantwortungsbewusstere Mitglieder, die sich nicht mehr gebraucht fühlten, verschwanden und nahmen ihre normale Arbeit wieder auf. Andere versuchten, ihre Waffen für persönliche Zwecke zu nutzen. In der Hauptstadt und den Provinzen ereigneten sich beunruhigende Vorfälle, einige schlichte Unruhen, aber auch andere: die Proklamationen lokaler Sowjets in isolierten Gebieten waren die politisch inspiriert.

 

Koenig, der bestrebt war, die Situation zu entschärfen, indem er störende Elemente in Uniform steckte und damit unter militärische Disziplin stellte, bat das SHAEF, Uniformen und Ausrüstung für 15.000 Mann bereitzustellen. Das SHAEF hat sofort reagiert. Es hatte bereits früher erkannt, dass der Rechtsstatus der FFI die Aufnahme ihrer Mitglieder in die französische Armee erforderte, um ihnen eine unverwechselbare Form der militärischen Kleidung zu geben, die sie von irregulären Kräften unterscheidet, die nicht zu den Privilegien und Garantien militärischer Gewohnheiten und Gesetze Zugang haben. Mit diesem Hebel evozierte Koenig die Politik, indem er verkündete, dass die FFI-Mitglieder "wegen des grossartigen patriotischen Eifers, den sie insbesondere unter schwierigen Umständen zeigten, natürlich den Rahmen unserer zukünftigen Armeen bilden".

Diese taktvolle Umsicht war nicht die Stärke De Gaulles. Drei Tage später befahl er, dass "ab dem 29. August 1944 das Oberkommando der Untergrundstreitkräfte in Paris inaktiviert und aufgelöst sei und seine Aufgaben von den Befehlshabern der verschiedenen Militärregionen wahrgenommen werden". Die wehrpflichtigen Widerstandskämpfer sollten regulär in die Armee eingezogen werden. Das französische Kriegsministerium setzte die Entscheidung um, indem es die "anzuwendenden Vorschriften zur Integration der FFI in die Armee" erliess. Trotz der Kritik von Extremisten der Linken, die erklärten, dass die Aktion das Wachstum einer "nationalen demokratischen Volks-Armee" behindere, erliess die Provisorische Regierung im September Dekrete, die die FFI dem französischen Militärrecht unterstellten.

Obwohl de Gaulle unmittelbar nach der Befreiung die 2. französische Panzerdivision in Paris zurückhalten wollte, protestierte Leclerc gegen die Besatzungsaufgabe. Dennoch blieb die Division in der Hauptstadt, um sie von den wenigen verbliebenen Deutschen zu säubern und um Brücken, Militärlager und Einrichtungen zu bewachen. Am 3. September, nachdem de Gaulle offensichtlich mit der Ordnung in der Hauptstadt und der Solidität seiner politischen Position zufrieden war, bat er General Eisenhower, die Division aus der Hauptstadt zu entfernen, um sie für aktive Operationen zu nutzen. Fünf Tage später trat die Division wieder in die Dritte Armee (General George S. Pattons) ein.

Der Höhepunkt der Verschlechterung der französisch-amerikanischen Beziehungen in Bezug auf Paris war erreicht, als General Gerow Paris an die französische Regierung übergab. Gerow hatte seine Aufgabe so verstanden, dass er als oberster Militärkommandant in Paris die Kontrolle über die Stadt während der militärischen Phase der Befreiung habe und dass er schliesslich seine Macht an General Koenig, den Militärgouverneur von Paris, übertragen sollte. Doch Gerow fand seine Autorität von de Gaulle, Koenig und Leclerc immer wieder in Frage gestellt, so dass er sich gezwungen sah, das SHAEF um Klärung zu bitten, "wie weit ihre Autorität reicht".

 

Am zweiten Tag nach der Befreiung stürmte General Gerow in das Hauptquartier der Ersten Armee und machte in Abwesenheit des Oberkommandierenden (General Hodges) General Kean, dem Stabschef, seine Probleme bekannt. "Wer zum Teufel ist der Boss in Paris?", fragte er. "Die Franzosen schiessen aufeinander, jede Partei geht der andern an die Kehle. Ist Koenig der Boss? De Gaulle? ...oder bin ich der oberste Befehlshaber der Truppen?" Als man General Gerow versicherte, dass er das Sagen habe, quittierte er: "Alles klar. . . Es wird Auswirkungen haben, wohlgemerkt. Man bekommt viele Tritte - und Tritte von wichtigen Leuten, aber ich habe einen militärischen Job zu erledigen. Ich schere mich einen Dreck um diese Politiker und tue meinen Job."

 

Es gab andere Irritationen. General Gerow war überrascht, sofort einen Vertreter der Kommunikationszone, Brigadegeneral Pleas B. Rogers, in der Stadt zu finden. (General Rogers, der den Frontsoldaten Gerow sichtlich nervte, lässt über seine "Kriegs"-Tätigkeit einen heiter illustrierten Bericht abgeben, der den beredten Titel "Paris in the Spring" trägt.) Gerow erfuhr auch, dass ein internationales Abkommen über die Kontrolle von Paris abgeschlossen worden war, über das man ihn nicht informiert hatte. (Die typische Geltungsüberschätzung eines siegreichen Kriegers, der nicht begriffen hat, dass der Vorrang der Politik zukommt, die ihm nur die Drecksarbeit zugewiesen hatte.) Ausserdem war Koenig am 25. August in Paris eingetroffen und hatte sofort die zivilen Angelegenheiten übernommen, ohne dies - wie es die (amerikanische) Höflichkeit geboten hätte - mit Gerow zu besprechen. "Solange es keine Einmischung seinerseits in taktische Operationen gab", schrieb Gerow später, "habe ich keine Einwände gegen sein Handeln erhoben."

 

Als Gerow am 28. August die Stadt als militärisch gesichert beurteilte, übergab er die Hauptstadt förmlich an Koenig, der ihm klar mitteilte: "Allein die französischen Behörden haben die Verwaltung der Stadt Paris seit ihrer Befreiung übernommen. . . . Als Militärgouverneur von Paris seit meiner Ankunft übernahm ich die Verantwortung.... am 25. August 1944." Koenig hatte wahrscheinlich das Gefühl, dass er nicht das geringste Zeichen setzen durfte, das als Anerkennung der französischen Abhängigkeit von den Amerikanern interpretiert werden könnte. "Wir sollten sie nicht anklagen", schrieb General Eisenhower mit Wohlwollen, "weil sie etwas hysterisch waren."

(Fragt sich bloss, wer hysterisch und wer kalt kalkulierend war.)

 

Gerow übergab die US-Militärkontrolle in der Stadt an die Seine Base Section of the Communications Zone. In den ersten Septembertagen zog das grosse COMZ-ETOUSA-Hauptquartier vom Cotentin nach Paris, einem zentralen Ort, an dem im Gegensatz zum Cotentin ein effizienterer Betrieb möglich war. Der Transport war aber so kritisch, dass er einige Kampfeinheiten bewegungsunfähig machte; der Umzug kam somit zu einem unglücklichen Zeitpunkt. Schon lange vor der Befreiung hatte General Eisenhower die Stadt und ihre Hotels - zumindest in seinem Kopf - als Urlaubsort für die Kampftruppen reserviert. "Feldstreitkräfte an der Front haben den rückwärtigen Versorgungsdiensten der Etappe immer ihren Komfort missgönnt", schrieb General Bradley später. "Aber als die Infanterie erfuhr, dass der vorbestehende Komfort der 'Com Z' durch den Pariser Charme noch vervielfacht worden war, wurde die Empfindung der Ungerechtigkeit frontseitig während des Krieges immer noch tiefer und eiternder.  Obwohl Eisenhower versuchte, die Zahl der rückwärtigen Truppen in der Stadt zu reduzieren, schwoll die Militärbevölkerung von Paris dennoch auf ein unvernünftiges Mass an.

 

Bis Mitte Oktober übernahmen die Amerikaner etwa 90 Prozent des Hotel-Raums der Stadt. Das HQ der Kommunikationszone okkupierte 167 Hotels und die Seine Base Section weitere 129. Supreme Headquarters und andere Organisationen nutzten zusätzlich etwa 25.

(Quelle)

Zur gleichen Zeit begann für die amerikanische Front im "Hürtgenwald"  das „Verdun in der Eifel“, das „grösste Desaster der amerikanischen Truppen im Zweiten Weltkrieg". Das kriegerische und meteorologische Elend dauerte bis zum 10. Februar 1945. 300 km davon entfernt wurden die Hotelbetten von feenhaften Wesen warmgehalten, die kurze Zeit zuvor wunderschöne, grossgewachsene germanische Männer vergessen liessen, dass ihre Kameraden in Stalingrad und anderswo verendeten.

 

Dabei hatte man amerikanischerseits - wie eingangs mehrfach erwähnt - gar nicht darauf gedrängt, Paris einzunehmen. Einer der Gründe war die ungelöste Frage der Versorgung. Die Amerikaner fürchteten, die Millionenstadt nur mit der Bindung von Kräften, die für den Vormarsch dringend notwendig seien, mit Lebensmitteln und Heizmaterial versorgen zu können.

 

Einer der ersten Eindrücke, die die Befreier von Paris erhielten, war, dass die Bevölkerung "gesund und voller Kraft" erscheine. Doch zur Zeit der Befreiung gab es nur einen Tag Nahrung für die Zivilbevölkerung. "Die Nahrungsmittelsituation ist ernst", hatte de Gaulle gekabelt. "Der Mangel an Kohle ist gravierend. Danke im Voraus für das, was Sie tun können, um dem abzuhelfen." "Sie können sich darauf verlassen, dass wir alles tun, was mit der militärischen Situation vereinbar ist", antwortete der Oberste Befehlshaber. "Es werden alle Anstrengungen unternommen, um Lebensmittel und Kohle nach Paris zu bringen." Ein gewaltiges Hilfsprogramm war bereits im Gange.

 

Das grösste Problem bei der Organisation der Hilfe für Paris war der Transport. Bombenangriffe und Sabotage hatten die Eisenbahn gestört, das Rollmaterial war knapp, Brücken waren zerstört, der schwere Militärverkehr hatte Strassen beschädigt. Die Anforderungen des Ausbruchs aus der Normandie hatten die Motorfahrzeuge stark belastet und das Benzin war so knapp, dass die Kampfeinsätze erlahmten. So gravierend war der Mangel an Transportkapazität, dass mindestens ein Liberty-Schiff, das mit Lebensmitteln für Paris beladen war, nicht entladen werden konnte.

 

Um diese Mängel zu beheben, bestellte General Eisenhower Trägerflugzeuge zur Ergänzung des Schienen- und Strassenverkehrs. Am 27. August begannen die Flugzeuge mit der Lieferung von 3.000 Tonnen Lebensmitteln und medizinischen Gütern und Seife aus dem Vereinigten Königreich in einer Menge von 500 Tonnen pro Tag. General Bradley genehmigte eine tägliche Zuteilung von 60.000 Gallonen Kraftstoff - Benzin oder Diesel - und 6.000 Gallonen Schmierstoffen für Fahrzeuge, die nach Paris lieferten. Er teilte auch 1.000 Gallonen Heizöl für Gemeinschaftsküchen in der Hauptstadt zu. Alle Transporte, die vermutungsweise von militärischen Anforderungen ausgenommen blieben, wurden der Versorgung der Pariser Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Zwei Schiffe verliessen das Vereinigte Königreich am 27. August mit 179 3/4-Tonnen-LKWs an Bord, die jeweils mit einem Anhänger ausgestattet waren, für die Beliefeung der Franzosen.

 

Obwohl alle Anstrengungen unternommen wurden, um die Kohle in die Stadt zu bringen, war ihre Einfuhr ein besonders schwieriges Problem, da der Eisenbahnverkehr fehlte und alle im Einsatz befindlichen Lastwagen Lebensmittel transportierten. Militärfahrzeuge brachten täglich 1.000 Tonnen aus britischen und amerikanischen kontinentalen Lagerbeständen. Französische und erbeutete deutsche Lastwagen brachten täglich mehrere hundert Tonnen einheimische Bestände in die Hauptstadt. Schiffe brachten Fracht aus dem Vereinigten Königreich zur Verteilung. Um die abnehmenden militärischen Lagerbestände auszugleichen, wurden amerikanische Agrarfachkräfte eingesetzt, die den französischen Beamten bei der Suche nach Vorräten in Überschussgebieten und bei der Lieferung in die Stadt helfen sollten. Die Franzosen begannen, das Vieh auf dessen Hufen nach Paris zu bringen.

 

Die Hälfte der täglichen Hilfsgüter der Amerikaner und 800 Tonnen Kohle pro Tag wurden auf Kosten des Militärs bewegt. Vertreter der beiden Armeegruppen und der Kommunikationszone koordinierten den Fluss innerhalb von Paris, während die französischen Behörden die Verteilung vor Ort organisierten. Mehr als eineinhalb Monate später war die französische Nothilfe immer noch eine Folge der alliierten militärischen Verantwortung.

 

Blumenson ist ein quasi offizieller Geschichtsschreiber der amerikanischen Administration. Er ist Partei - ganz gewiss. Aber er hat sich in den vorstehenden historischen Darstellungen um Objektivität und Verständnis für die andere Seite bemüht. Einen abschliessenden Frust kann er - was nicht ganz unbegreiflich bleibt - doch nicht ganz unterdrücken:

 

Im Rückblick war es ein französisch-amerikanischer Konflikt wie es ein Kampf zwischen den Alliierten und den Deutschen war. Die Franzosen sicherten sich fast alles, was sie wollten, indem sie einen zögernden, aber letztendlich zugänglichen alliierten Befehlshaber überzeugten, ihre Bitten zu erfüllen. Die Wiederherstellung der französischen Würde, die in der Befreiung implizit enthalten ist, war weitgehend auf die Bemühungen der Franzosen zurückzuführen, die durch das Wohlwollen der Alliierten unterstützt wurden. Wenn die Alliierten die Befreiung für die Franzosen etwas verdarben, indem sie sie zwangen, sie mit amerikanischen Truppen zu teilen, waren ihre Motive so rein wie die französische Ungeduld typisch war. In Anbetracht des Prestiges, das der Befreiung als kleines Entgelt für die zwischen den Stränden der Normandie und den Toren der Hauptstadt verlorenen alliierten Soldaten innewohnt, waren die Amerikaner erstaunt, als sie statt der erwarteten französischen Dankbarkeit für die Hilfe Groll und Aufsässigkeit begegneten, die durch Hilfsgüter nicht aufgelöst werden konnten. Interessanterweise haben die Briten, ob durch Zufall oder Absicht, von der Teilnahme an der Befreiung und den Zeremonien abgesehen, vielleicht weil sie die Befreiung in erster Linie als eine französische Angelegenheit betrachteten, vielleicht weil sie sich einer unterschwelligen antibritischen Stimmung infolge der Zerstörung der französischen Flotte bewusst waren. Es war auch bedauerlich, dass der Mann auf der Strasse den Namen des amerikanischen Kommandeurs, Gerow (Kommandant des Armeekorps, das Paris befreite), mit dem von General Henri Giraud, einem der politischen Gegner von de Gaulle, verwechselte und dass ein so überwältigender Sieg der Gaullisten in der Hauptstadt durch eine einfache phonetische Ähnlichkeit verzerrt sein konnte. Über das gesamthaft Erfahrene und Erlebte schwebte die schattenhafte Gestalt von Choltitz, der alle Meister zu befriedigen suchte und am Ende sagen konnte, er habe Paris vor der Zerstörung bewahrt, womit er ein Held für alle sein konnte. Kein Wunder, mit den Komplikationen, die das Gewebe der Fassade der Befreiung zu zerreissen drohten - diese wunderbare Freude und die Begeisterung der befreiten und zivilisierten Menschen überall, die Blumen, die Küsse, die Lieder und der Wein - kein Wunder, dass es grausam schien, die Intrigen und Streitigkeiten hinter den Kulissen aufzudecken. Sicherlich war es einfacher an die Legende zu glauben, die danach entstand: Der französische Widerstand in Paris habe die Hauptstadt ohne fremde Hilfe befreit.

Pariserinnen heissen General De Gaulle frenetisch willkommen.


Versuch, die Darstellung Blumensons tabellarisch wiederzugeben.

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So kann man die Befreiung von Paris auch sehen:

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Am 23. August erklärte die SHAEF G-2-Zusammenfassung: "Die Schlachten im August haben es vollbracht und den Feind im Westen hat es erwischt (has had it). Zweieinhalb Monate erbitterter Kämpfe haben das Ende des Krieges in Europa in greifbare Nähe gerückt." (War ja nur leider nicht so. Nun folgt auch noch eine merkwürdige Verdrehung der historischen Abläufe:) Zwei Tage später befreiten amerikanische Truppen Paris. General de Gaulle war schon da, zusammen mit Elementen der französischen 2. Panzerdivision, aber er und sie waren besorgt über die Kommunisten im Widerstand und die Deutschen, die in der Stadt blieben. Auf direkten Wunsch von de Gaulle stimmte Eisenhower zu, dass sich die 4. Division auf ihrer Route nach Osten durch die Stadt bewege und die 28. Division Champs-Elysées hinunter paradiere, ebenfalls auf dem Weg zur Schlacht. Diese Show der Stärke beruhigte alle Hitzköpfe in der Stadt. Paris wurde von Reportern, angeführt von Ernest Hemingway, überrannt und hatte in den nächsten Tagen eine der grossen Partys des Krieges.

 

Die Schlacht war vorbei. Sie dauerte fünfundsiebzig Tage. Sie kostete die Alliierten 209.672 Opfer, wovon 39.976 Tote. Zwei Drittel der Verluste waren Amerikaner. Es kostete die Deutschen rund 450.000 Mann, 240.000 von ihnen getötet, und 1.500 Panzern, die sich auf seiten der Wehrmacht n der Normandie engagiert hatten. Insgesamt siebenundsechzig kamen davon und nur vierundzwanzig deutsche Panzer kamen über die Seine. Die Deutschen hinterliessen 3.500 Artilleriegeschütze und 20.000 Fahrzeuge.

 

Aber zwischen 20.000 und 40.000 Wehrmachts- und SS-Soldaten entkamen. Sie hatten nur einen einzigen Gedanken: Nach Hause gelangen - das bedeutete: nach Deutschland, in vorbereitete Verteidigungspositionen in der Siegfriedlinie, frische Versorgung. Verstärkung. Eine Chance, die schlecht zusammengemischten Truppen in Kampfeinheiten zu gruppieren. Sie hatten schrecklich Prügel bezogen, aber sie waren sich nicht so sicher wie das SHAEF G-2, dass "es sie erwischt hatte (had had it)".