Die amerikanischen Befreier von Paris

21. - 24. August 1944 (nachmittags)

 

Montag, 21. August 1944

Es sei nun an die alliierten Argumentationsketten erinnert, die anfangs dieses Abschnittes dargelegt wurden:

 

- Die Deutschen würden sich vermutlich in Paris festkrallen, denn die Stadt bot zwei potentielle Schalterlinien an der Marne und an der Oise. - Die deutschen Armeen verfügten damit über günstige Defensivpositionen und eine geeignete Basis für eine Gegenoffensive.

- Paris direkt anzugreifen wür­de die Alliierten längere Strassenschlachten kosten, somit eine Verzögerung der Operationen in Richtung Deutschland.

- Bei den Kämpfen würde die französische Hauptstadt zerstört.

- Die alliierte Planung wollte eine kontinuierliche Dezimierung der deutschen Verteidigung von Paris.

- Die Stadt liesse sich am besten durch ihre Umgehung und Einschliessung erobern.

- Die Ka­pitulation der isolierten Garnison wäre schliesslich unvermeidlich.

 

Auch die Logistiker befürworteten diesen Kurs. Die Combined Chiefs of Staff (CCS) verlangten zwar die Notversorgung befreiter Gebiete, aber ohne Behinderung der logistischen Unter­stützung der Streitkräfte, die Deutschland niederringen sollten. Die Millionenstadt Paris wäre also eine Belastung.

 

Die alliierten Bombardemente und die französische Sabotage waren zwar gegen die deutschen Transporte gerichtet, isolierten aber Paris von der Provinz. Die Planer rechneten mit viertausend Tonnen Nachschub pro Tag, den Paris brauchte, umgerechnet kam das dem Bedarf gleich, mit dem man die Kampftruppen während drei Tagen motorisiert vorwärtsbewegen konnte. Rasche alliierte Verfolgungsoperatio­nen Richtung Deutschland hatten klaren Vorrang. Die militärischen Versorgungslinien waren übrigens bereits ausgelastet. Fortwährender militärischer Druck östlich von Paris schien den Strategen der gepanzerten und mechanisierten Verbände ein schnelles Ende des Krieges zu versprechen. Wozu Kraft und Zeit mit den Eroberungen isolierter Festungen am Atlantik oder an der Seine versäumen? Die Allierten rechneten jetzt erst recht damit, dass die Deutschen in Paris den Vormarsch der Verbündeten, die ohnehin bald viele andere Übergänge über die Seine in ihrem Besitz haben würden, nur verzögern könnten. Und schliesslich sollten die deutschen Besatzer nicht provozie­rt werden, die Stadt zu zerstören.

 

General Eisenhower hatte nicht die Absicht, den Plan der Umgehung von Paris zu ändern. Den französischen Generälen de Gaulle und Koenig wurde das klar, als sie mit ihm am 21. August konferierten. Er wiederholte lediglich, dass er die Division Leclerc einsetzen werde, wenn es darum gehe, Paris zu befrei­en.

Obwohl die französischen hohen Offiziere bestätigt hatten, sich General Eisen­howers Entscheidungen zu unterziehen, wie der Krieg zu führen sei, was im­merhin die Gegenleistung für die historisch wichtige alliierte Anerkennung der von de Gaulle angeführten de facto Regierung war, überbrachte General Alphonse Juin noch am selben 21. August dem Supreme Commander Eisenhower einen Brief Charles de Gaulles; in diesem höflichen Schreiben steckte die un­übersehbare Drohung, wenn der amerikanische Oberbefehlshaber nun nicht sofort Truppen nach Paris sende, könnte es der Chef der provisorischen franzö­sischen Regierung selbst tun. Die Drohung war militärdisziplinarisch ungeheu­erlich, aber aus dem Selbstverständnis de Gaulles heraus durchaus nicht. De Gaulle stellte sich als Regierungschef auf die gleiche Stufe wie Präsident Roo­sevelt und Premierminister Churchill, somit über den Supreme Commander.

Der 21. August war der Tag komplizierter Operationen. Die Briten rückten durch die Front des amerikanischen V. Korps vor und dieses verliess seine bishe­rigen Stellungen zu einem neuen Versammlungsplatz südlich von Argentan. Da sah Leclerc keinen Grund mehr, seine Division so weit von ihrem ultimati­ven Ziel entfernt liegen zu lassen.

Einschub:

Le Serment de Koufra


Im Frühjahr 1941, als Ungezählte in Frankreich sich mit dem Besatzerregime arrangiert hatten und Millionen französischer Herzen in Verzweiflung und Resi­gnation bluteten, drang Oberst Leclerc mit freifranzösischen Truppen aus dem Tschad im tiefen Südosten Lybiens ein und entriss den faschistischen Italienern die Oase Koufra. Ein erster Schritt. Der geschichtsbewusste Mann mit dem wahren Namen Comte Philippe François Marie de Hauteclocque liess seine braune Schar (Gottfried Keller: "Im afrikanischen Felsental...") einen Eid leisten, der sie über Strasbourg hinaus bis nach Bech­tesgaden führte. Für ihn war Paris eine sakrosankte Station auf diesem blutge­tränkten, entbehrungsreichen Kreuzweg der Befreiung: "Paris was a holy place", anerkannte der Militärhistoriker Blumenson der US Army.

 

Leclerc versuchte, seinen Korpskommandanten Gerow zu überzeugen, dass nun der Moment gekommmen sei, die französische Metropole durch französi­sche Truppen zu befreien. Gerow zeigte sich verständnisvoll, aber es lag nicht in seiner Machtbefugnis, Leclercs Marsch nach Paris zu autorisieren. Der fran­zösische Divisionär war sich aber gewiss, dass er als einziger Kommandant re­gulärer französischer Streitkräfte in der Operation Overlord gewisse Vorrechte genoss, denn man kämpfte schliesslich auf seinem Heimatboden. Seine Präro­gativen gründeten in territorialen, nationalen und politischen Gegebenheiten. Ausserdem hatte General Koenig vereinbart, dass General Leclerc, dessen 2. Panzerdivision – früher oder später – Paris befreien werde, der provisorische Militärgouverneur der Hauptstadt werde. Auch daraus leitete Leclerc besondere Machtbefugnisse ab. Obwohl Eisenhower das Begehren de Gaulles abgelehnt hatte, entsandte Leclerc noch am gleichen Abend – abgestützt auf die von ihm als solche erkannte Legitimation - 150 Man mit zehn leichten Panzern, 10 ge­panzerten Fahrzeugen und 10 Mannschaftstransportern unter dem Befehl des Majors Guillebon Richtung Paris. Guillebon – so wurde vorgegeben – sollte die Wege nach Paris rekognoszieren. Wenn aber die Alliierten sich entschliessen sollten, ohne die französische 2. Panzer-Division in der Kapitale einzudringen, so sollte Guillebon die Befreiungstruppen als Repräsentant des povisorischen Regierung Frankreichs und der französischen Armee begleiten. Ein Husaren­stück! Leclerc schrieb zugleich General de Gaulle, unglücklicherweise könne er nicht mit der Hauptmacht seiner Division in gleicher Weise vorgehen. Dazu reichten ihm die Versorgung mit Lebensmitteln, Munition und Treibstoff nicht. Alles das lie­ferte nämlich die amerikanische Armee. Leclerc fügt auch an, dass eine solche Operation die militärischen Regeln der Subordination verletzen würden, die er doch respektieren wolle. Leclerc war sich demnach seiner militärisch-hierarchi­schen Einordnung bewusst und de Gaulle wusste, inwiefern sich der französi­sche Divisionskommandant dagegen vergangen hatte.

Dienstag, 22. August 2014

Leclerc war bewusst, dass Guillebon Paris nicht unentdeckt von den Amerika­nern erreichen konnte. Er schickte daher am Morgen des 22. August seinen G-2, Major Philippe H. Repiton, zum Korpskommandanten Gerow. Er sollte ihm erläutern, das Vorgehen basiere darauf, dass der Aufstand in der Stadt Paris das Vorrücken eines militärischen Detachements notwendig mache. Man müsse dort sein, um die Ordnung aufrecht zu erhalten und die regulären französi­schen politischen Behörden zu stützen. Die Abwesenheit Guillebons und seiner Leute vermindere die Fähigkeit der Division, jeglichen Kampfauftrag zu erfüllen, der ihr vom Korps zugewiesen werde, in keiner Weise. Das sah Gerow – durch und durch angelsächsischer Soldat – nun allerdings ganz anders. Er hatte eine dringende Rückfrage der 3. US-Armee bekommen, was denn französische Truppen aus­serhalb ihres Operationssektors zu tun hätten. Gerow konnte, durfte und wollte in Leclercs Vorgehen nichts anderes erblicken als eine Insubordination. "Ich möchte Ihnen klar machen, dass die französische 2. Panzerdivision unter meinem Kommando steht und zwar für alle Vorhaben. Kein Teil der Division darf von Ihnen für anderes ver­wendet werden als zur Ausführung von Aufträgen, die mein Hauptquartier er­teilt." Das enthielt der unfreundliche Brief, den Gerow persönlich Major Repiton für General Leclerc zu dessen Belehrung aushändigte. Ausserdem be­fahl er Leclerc, Guillebon zurückzurufen.

 

Leclerc – doch nach unten vornehmlich an die fremdenlegionäre Disziplin ge­wöhnt - war nicht willens, das zu befolgen, was ihm sein unmittelbarer militäri­scher Vorgesetzter persönlich und unmissverständlich befahl. Er suchte Unter­stützung bei höherer Instanz und flog ins Hauptquartier der 1. US-Armee. Dort erfuhr er, dass General Bradley derzeit mit General Eisenhower konferierte; es gehe um die Pariser Frage. Leclerc entschied eigenmächtig, das Ergebnis dieser Konferenz abzuwarten.

 

Nach der Besprechung mit de Gaulle hielt Eisenhower doch dafür, noch keine endgültigen Entscheidungen über den Zeitpunkt und die Art der Befreiung von Paris zu fällen. Er hatte General Bradley für den Morgen des 22. August zu sich beordert. Das von General Juin ausgehändigte Schreiben de Gaulles zeigte offenkundig Wir­kung. Eisenhower notierte nämlich am Rand dieses Briefes handschriftlich, dass er möglicherweise gezwungen sei, in Paris einzumarschieren. Am 16. Au­gust bereits hatte ihn der Combined Chiefs of Staff informiert, man ha­be keine Einwände, dass Gaulle in die französische Kapitale einmarschiere. Ei­senhower verfügte damit über eine Instruktion, dass die Alliierten beabsichtig­ten, die provisorische Regierung unter de Gaulles Leitung anzuerkennen. Im­mer deutlicher wurde, dass die Mehrheit des französischen Volkes de Gaulle zustimmte, womit nach amerikanischer, demokratischer Anschauung seine Le­gitimierung wuchs und seine Ansprüche staats- und völkerrechtlich ernst zu nehmen waren. General Koenigs Stellvertreter, ein britischer Offizier, der den britischen Gesichtspunkt reflektierte, de Gaulles politische Aspirationen zu fa­vorisieren – die Briten waren bereitwilliger als die Amerikaner -, forderte auch eine sofortige Befreiung der Metropole an der Seine. Gedrängt von allen Seiten legte General Eisenhower sein Dilemma in einem Brief an General Mars­hall, Chief of Staff of the Army, dar:

 

Vordringlich sei die Vernichtung des Feindes im Bereich Pas de Calais. So lan­ge sollte man zwar Paris nicht einnehmen, was aber der Entwicklung wider­spreche. Wenn der Feind Paris mit ausreichenden Kräften halten wolle, dann stelle er von dort her eine ständige Bedrohung der rechten Flanke der Alliierten dar. Wenn er aber die Stadt quasi aufgebe, so falle sie den Verbündeten in die Hand, ob man das wolle oder nicht. (Ein Nichtwollen wäre durchaus, nämlich logistisch, motiviert.)

Das Dilemma habe aber auch einen weiteren Aspekt: Würde die Befreiung von Paris ausschliesslich einer politischen Notwendigkeit entsprechen, dann hätte er als Oberbefehlshaber keine Berechtigung, von seiner bisherigen Meinung ab­zukommen, es sei denn, er setze Leclerc und seine französische Division auf die Befreiung der Kapitale an. Wenn er aber solch eine politisch motivierte Um­lenkung eines Teils seiner Truppen nicht gutheissen könne, oder wenn er davon ausgehe, er könne es sich nicht leisten, die Kontrolle über die französische Di­vision aufzugeben, so müsste er eine militärische Grundlage für eine Befreiung der Stadt durch die Alliierten haben. Und wie könnte man derzeit eine solche Aktion starten, ohne der Stadt schweren Schaden zuzufügen. Der einzige Ausweg sei die kampflose Preisgabe der Stadt durch die Deutschen; dann müssten die Alliierten wegen des involvierten Prestiges und zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung einmarschieren. Damit würden sie den französischen Begehren gerecht werden und zugleich den wichtigen Seine-Übergang für sich sichern.

 

Eisenhower wurde oft vorgeworfen, sein Gehirn sei sein Stab. Er entscheide, nachdem seine Leute nachgedacht hätten. Dieser Brief zeigt sein analytisches Talent, aber auch seine politische Ader. Er "musste" Präsident werden. - Hitler sah die Ursachen seiner Misserfolge nicht in seinem eigenen Ungenügen, sondern immer im "Verrat" seiner Militärs. Darin wäre er bestärkt worden, hätte er gewusst, dass die Allierten durchaus mit der Kapitulation rechneten.

 

Eisenhower sah viele Anzeichen, dass die Deutschen bereit waren, Paris aufzu­geben. De Gaulle glaubte, ein paar Kanonenschüsse würden die Besatzer ver­treiben. Bradley sagte Eisenhower, er und sein G-2 seien darin einig: "We can and must walk in." Bradley witzelte sogar, die grosse Zahl ziviler Presseleute, die in seinem Hauptquartier akkreditiert seien, würden ausreichen, Paris einzu­nehmen - "wann immer Sie wollen". Das würde die hohen amerikanischen Offi­ziere erst noch vor

"a lot of trouble" verschonen.

 

Den alliierten Kommandanten war durchaus bewusst, dass die Berichte, die von der Résistance und von denen, die sich dazu zählten, laufend eingingen, längst nicht alle präzis waren. Dennoch liessen sie den Schluss zu, dass ein entschlossener Einmarsch in die Metropole Choltitz veranlassen würde, sich zu­rückzuziehen, noch bevor ein Guerrilla-Krieg mit der damit verbundenen Zer­störung der Brücken und historischen Monumente ausbreche; er werde weder gegen die Résistance noch gegen die Verbündeten innerhalb der Stadt kämp­fen. Seit die verfügbaren Informationen das Nichtstattfinden einer grossen Schlacht um Paris indizierten, änderte Eisenhower seine Meinung; er entschied, der FFI Unterstützung mit dem Ziel zu schicken, die militärischen Operationen zu unterstützen. Später anerkannte er die Assistenz der FFI als "an inestimable value in the campaign" (Eisenhower, Crusade in Europe, p. 296, zitiert bei Blumenson, Fussnote 62). Es kam in Eisenhowers Denkweise hinzu, dass die Aktion sich aus dem politischen Umfeld in den militärischen Bereich transferierte und somit für ihn akzeptabel machte.

 

Um Choltitz verständlich zu machen, welche Rolle er zu spielen habe, sandte man einen Nachrichtenoffizier der "'Economic Branch' of the U.S. Service" zu ihm; er sollte mit dem deutschen Besatzungskommandanten ein "Arrangement" vereinba­ren, um die Stadt vor Schäden zu bewahren. Er sollte Paris gleichzeitig evaku­ieren, wie die Allierten dort eindringen würden, womit gewährleistet sei, dass er nicht in zu viele Gefechte mit dem französischen Widerstand verwickelt werde. Als Zeitpunkt für den zeitgleichen Abzug der Deutschen und den Einmarsch der Al­lierten wurde der Moment des Ablaufes der Waffenruhe gewählt: Mittag, 23. August.

Aus den vorgenannten meteorologischen Gründen konnte die alliierte Luft­brücke am 22. August noch nicht wirksam werden. Sie versorgte die Bevölke­rung von Paris mit Lebensmitteln und Treibstoff erst ab dem 27. August.

 

Nun, wo das Engagement in Paris unausweichlich geworden war, ordnete Gene­ral Eisenhower die sofortige Lieferung von 23'000 Tonnen Lebensmitteln und 3'000 Tonnen Kohle in die Stadt Paris an. Er hielt dies für eine unausweichliche Begleitmassnahme des Befreiungsentscheides. General Bradley bat das SHAEF, 3'000 Tonnen dieser Güter für den Lufttransport vorzubereiten. Die Briten ih­rerseits erstellten sogleich Pläne, um ihren Anteil an dieser Versorgung der Zi­vilbevölkerung zu übernehmen.

Mitten in den widersprüchlichen Gerüchten, dass Choltitz zur Kapitulation be­reit sei und dass die Deutschen sich vorbereiteten, Paris mit einer Geheimwaffe auszulöschen, erschienen bei den Alliierten Abgesandte der Résistance. Sie brachten eine grosse Menge einleuchtender, aber auch unglaubwürdiger Informationen. Sie versicherten dem allierten Oberkommando, dass die FFI den grössten Teil der Stadt und alle Brücken kontrollierten, dass der Grossteil der Deutschen schon abgezogen sei und dass die in den westlichen Aussenquartieren eingesetzten feindlichen Truppen nur kleine Detachmente seien und nur wenige Strassensperren besetzten. Die Franzosen brachten vor, die Besatzer hätten in die Waffenruhe eingewilligt, weil ihre Kräfte nur schwach seien und sie das Abkommen brauchten, um geordnet die Stadt zu evakuieren, ohne dabei von Strassenschlachten gestört zu werden. Die Alliierten bekamen beides zu hören: der Waffenstillstand ende am 23. August um Mittag, aber auch keine Seite respektiere das Agreement. Die FFI verfügte nur über geringen Nachschub und namentlich die Munitionierung war prekär. Sie hielten die symbolträchtigen Gebäude in der Stadt mehr "on bluff and nerve". Die Führer der Résistance fürchteten daher, die Deutschen würden ihre Kräfte neu gruppieren, um die Kontrolle der City wieder zu gewinnen und um die Zerstörungen mit aller Macht vorzunehmen, sobald die Waffenruhe abgelaufen sei. Um Blutvergiessen zu vermeiden, sei es unbedingt erforderlich, dass die alliierten Soldaten prompt am Mittag des 23. August in die Hauptstadt einmarschierten.

Nordlings Gruppe erreichte Bradleys Kommandoposten zu spät, um auf den Gang der Dinge noch Einfluss zu nehmen. Der Résistance-Major Gaullois (Pseudonym für Roger Cocteau, Cousin von Jean), Stabschef des Pariser FFI-Kommandanten, hat­te Paris am 20. August verlassen und traf in Bradleys Hauptquartier am Morgen des 22. August ein. Er sprach recht lange mit Brigadegeneral A. Franklin Kibler, dem G-3 der 12. Heeresgruppe. Dieser zeigte sich interessiert an der Informa­tion, Choltitz wolle seine ganze Garnison übergeben, sobald die alliierten Trup­pen bei seinem Hauptquartier, dem Hôtel Meurice an der Rue de Rivoli, einträ­fen.

"Die Ehre der Ersten in Paris Einmarschierenden," schrieb General Eisenhower später, "gewährte General Bradley General Leclercs französischer 2. Division." Und General Bradley erklärte: "Irgendeine amerikanische Division hätte wohl müheloser unseren Marsch nach Paris angeführt, aber um den Franzosen zu helfen, ihren Stolz wiederzufinden nach vier Jahren der Besatzung, wählte ich französische Streitkräfte mit der Trikolore an ihren Shermans." Tatsache war allerdings, dass sich das SHAEF bereits zu dieser Entscheidung verpflichtet hat­te. Weder Eisenhower noch Bradley konnten etwas anderes tun, ausser sie hät­ten ein Versprechen gebrochen, was auch gar nie in Erwägung gezogen worden war. Vielleicht legte das aktuelle taktische Engagement der französischen Division in der nachträglichen Betrachtung eine andere Wahl nahe; dem stand aber die frühere Übereinkunft entschieden entgegen. Die beiden amerikanischen hohen Generäle wollten das Richtige tun. Selbst General Hodges hatte unabhängig davon ei­ne Woche früher entschieden, wenn er den Auftrag erhielte, Paris zu befreien, werde er französische Truppen in die Operation mitnehmen.

Später Nachmittag, 22. August 1944

Nachdem die Entscheidung gefallen war, flog Bradley am späten Nachmittag des 22. August ins Hauptquartier der 1. US-Armee des Generals Hodges, um die beschlossene Aktion zu starten. Auf der Landebahn erwartete ihn bereits der Divisionär Leclerc, der ihm über seine Differenzen mit dem Korpskommandant­en Gerow wegen der Verschiebung Guillebons Richtung Paris berichtete. Brad­ley übersah die Disziplinlosigkeit des Franzosen und informierte Leclerc, Gene­ral Eisenhower habe soeben entschieden, die französische Panzerdivision sofort nach Paris zur Befreiung der Stadt zu entsenden. Leclerc sah sich off the hook (aus dem Schneider) bezüglich seines Ungehorsams; er beeilte sich, auf seinen Kommandoposten zu gelangen, wo er Gripius, seinem Unterstabschef Opera­tionen, freudig zuschrie: "Unverzüglicher  Vormarsch nach Paris! Losmarschieren!" Ein vierjähriger Traum schien endlich wahr zu werden.

Bradley aber beriet die Operation mit Hodges, wie sie es an den hohen ameri­kanischen Militärakademien gelernt hatten. Der Armeegeneral legte dar, dass das V. Korps Gerows seine Aufträge bei Argentan erfüllt habe und daher bereit sei, neue Aufgaben zu übernehmen. Von Argentan könne das Korps rasch mit Leclercs 2. französischer Panzerdivision und Bartons 4. Infantriedivi­si­on nach Paris vorrücken. Die beiden hohen Offiziere fanden es fair, General Gerow mit dieser von etlicher Aufmerksamkeit begleiteten Mission zu betrauen, weil er und Collins, der Kommandant des VII. Korps, am D-Day dabei waren, Collins aber zwischenzeitlich bereits mit der Eroberung von Cherbourg beehrt worden sei. Das V. Korps wurde daher unverzüglich für den Vormarsch nach Osten alar­miert.


Nach diesen chonologischen Schilderungen muss man davon ausgehen, Brad­ley habe zuerst den Divisionskommandanten informiert und in Gang gesetzt und erst dann mit dem Armeegeneral beraten, welches Korps überhaupt einge­setzt werde. Der ausgewählte Korpskommandant war zu der Zeit noch nicht im Bilde, als sein Unterführer Leclerc bereits den Vormarsch befahl. Blumenson berichtet über die Gespräche Bradley/Hodges unter dem Titel "On to Paris" auf Seite 606 seines "Chapter XXIX The Liberation of Paris", aber schon auf S. 605 schildert er die Begegnung Bradley/Leclerc auf dem Flugfeld des Hauptquartiers der 1. US Armee. Dort soll Leclerc die Ankunft General Bradleys erwartet haben (S. 602 oben).

 

Verzweifelt suchte das Armee-Hauptquartier den Korpsgeneral Gerow. Man fand ihn im Hauptquartier Bradleys 12. Heeresgruppe! So viel zur rationellen Arbeitsweise grosser Einheiten! Gerow wurde mit den wichtigsten Leuten sei­nes Stabes in den army command post beordert.

Im army war room wiederholte sich, als der Kommandant des V. Korps und die Offiziere seines Stabes dort eintrafen, die Szene, die sich schon eine Woche früher dort abgespielt hatte. Karten wurden hastig aufgezogen, Verschiebungs­befehle in grösster Eile geschrieben, Marschrouten und Marschtabellen festge­legt und namentlich auch speziell umsichtige Instruktio­nen für die Franzosen erlassen, "who have a casual manner of doing almost exactly what they plea­se, regardless of orders."

 

General Gerow erfuhr bei dieser Gelegenheit auch, welche Rolle General Eisen­hower der Résistance zuerkannte: Die alliierten Truppen hätten von ihr den Kampf zu übernehmen, sie zu verstärken und sie, wo das nützlich sein könne, als mobile Reserve zu verwenden. Die Alliierten hätten, so lautete der Ein­marschbefehl, so früh wie nur möglich nach dem Mittag des 23. August in Paris einzudringen. Der Supreme Commander betonte, vor dem Auslaufen des Waf­fenstillstandes dürfe nicht in Paris einmarschiert werden. Der Einmarsch dürfe auch erst erfolgen, wenn er mit leichten Waffen vollzogen werden könne. Mit andern Worten: General Eisenhower wollte zu diesem Zeitpunkt keine heftigen Kämpfe in Paris. So lange dies vermieden werden könne, dürften in der City keine Bombardierungen und kein Artilleriefeuer zum Einsatz gelangen.

Zusammengestellt wurde aber eine formidable alliierte Streitmacht, wenn sie auch – nach meiner Überzeugung und im Vergleich zu Leningrad, Stalingrad, Warschau etc. - niemals ausgereicht hätte, um Gross-Paris bei entschlossener Verteidigung zu erobern:

the 2d French Armored Division,

the 4th U.S. Infantry Division,

an American cavalry reconnaissance group,

a 12th Army Group technical intelligence unit, and

a contingent of British troops.

Die französische Panzerdivision hatte in Begleitung amerikanischer Kavallerie (Aufklärungseinheiten) und britischer Truppen in die Stadt, die durch den Ring der "Portes" klar vom Umland abgegrenzt ist, einzumarschieren, wobei alle ihre eigenen nationalen Flaggen zu zeigen hätten. Derweil hatte die 4. amerikanische Divisi­on die Seine-Übergänge südlich von Paris zu besetzen und zugleich bildete sie die Reserve der französischen Division. So sollte Leclerc die Ehre der Befreiung von Paris bekommen und dennoch das tun müssen, was ihm die alliierten Kommandanten zuwiesen; er blieb direkter amerikanischer Kontrolle unterstellt.

Leiter der Operation war ganz klar der Befehlshaber des V. Korps, General Ge­row. General Eisenhower charakterisierte ihn später: "Er hatte alle Qualitä­ten der Tatkraft, Zuverlässigkeit, Entschlossenheit und Geschicklichkeit, die wir von ihm erwarteten." Er hatte die erforderliche Erfahrung für eine Mission, die derart mit politischen Implikationen behaftet war, denn er hatte in der War Plans Division of the War Department von 1936 bis 1939 gearbeitet. Er war darauf Chef dieser Division und zwar während des kritischen Jahres 1941. Folglich war er schon vertraut mit Situationen der gegenseitigen Einflussnahme von militärischer Strategie und nationaler Politik. Bis dahin war er nicht über die mitspielenden politischen Betrachtungen informiert worden und seine In­struktionen, Paris zu befreien, waren rein militärischer Natur.

Für wen's interessiert:Manual of the War Plans Division of the General Staff 1900-1939:

http://cgsc.contentdm.oclc.org/cdm/ref/collection/p4013coll7/id/597

22. August 1944, abends

Bevor Choltitz von Hitler den Befehl erhalten hatte, Paris den Allierten nur als Trümmerfeld zu überlassen, war er voll davon überzeugt, alles getan zu haben, zu tun und vorzubreiten, was der Führer von ihm verlangte. Er wollte nichts anderes, als seine Pflicht erfüllen. Die Art und Weise, wie er den Aufstand be­handelte, hielt er für pflichtgetreu. Es galt ihm als Beweis für seine Befehl­streue.

Als Aulock, der die Verteidigung des westlichen Vorfeldes der Stadt kommandierte, am 22. August um Erlaubnis nachsuchte, seine Stellungen zurückzuverlegen, weil er meinte, er könne den alliierten Angriff so weit vorgeschoben nicht stoppen, lehnte Choltitz ab.

Um dem Befehl General Hodges nachzukommen, der das Eindringen in die Stadt Paris für den 23. August, unmittelbar nach der Mittagszeit, verlangt hat­te, telefonierte Gerow am Abend des 22. August mit Leclerc und forderte ihn auf, unverzüglich loszufahren. Die 38th Cavalry Squadron wurde beauftragt, die Division Leclerc zu begleiten und die amerikanische Flagge beim Einmarsch in Paris wehen zu lassen. Gerow verstand das als Vorausbefehl, denn der for­melle Korpsbefehl folgte erst später. Auch an Informationen war nicht mehr ver­fügbar, als dass die Deutschen sich aus Paris in Übereinstimmung mit den Be­dingungen des Waffenstillstandes zurückzogen. Die Gerüchte, dass die Deut­schen die Abwasserkanäle und die Tunnels der Untergrundbahnen mit Spreng­stoff geladen hätten, hielt man für zweckfabriziert, um die Alliierten anzusta­cheln, Paris möglichst rasch zu besetzen, damit sie Schäden vermieden. Alliierterseits wurde kein ernsthafter Widerstand der Besatzer erwartet. Wenn die Trup­pen schwerer Gegenwehr begegnen sollten, so war ihnen befohlen, defensiv darauf zu reagieren.

Im Gegensatz zu dieser Annahme eines schwach auftretenden Gegners stand die Armada, die Gerow kommandierte. Sie schloss sehr viel Artillerie, Panzer und gepanzerte Fahrzeuge ein, Panzerabwehrgeschütze und eine Menge Flie­gerabwehrkanonen, die sich durchaus im Erdkampf einsetzen liessen. Die zahl­reichen Artillerieverbände waren – abgesehen von der Korpsartillerie - vom Ka­liber ihrer Rohre her für Regimentseinsätze bestimmt, aber gemessen an ihrer Menge und Munitionierung durchaus tauglich, einen halben Stadtteil in Schutt und Asche zu legen, was ja gerade nicht Absicht und Befehl der Angreifer war, die auf zwei Routen vorrückten:

Sées, Mortagne, Château-en-Thymerais, Maintenon, Rambouillet, Versailles;

 

und

 

Alençon, Nogent-le-Rotrou, Chartres, Limours, Palaiseau.

 

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Die nördliche Säule (Sées – Versailles) umfasste

- die Hauptmasse der französischen 2. Panzerdivision

- die ihr zugeteilten amerikanischen Truppen

- eine U.S. Genie- (Engineer-) Gruppe [drei Kampfbataillone, eine Treadway(Pontonbrücke, Gehwegbrücke)-Kompanie, ein Zug (Platoon) mit leichtem Ma­terial und ein Wasserversorgungs-Zug]

- die Artillerie des V. Korps (mit einem Beobachtungs- und vier Geschütz-Bataillo­nen)

Die Aufzählung entsprach der Marschordnung. Die Länge der Kolonne in Zeit umgerechnet wurde auf 14 Stunden und zwanzig Minuten geschätzt - Zwi­schenfälle ausgeschlossen. Zur Erinnerung: Mitternacht – das Tagesende des 22. August – rückte immer näher und kurz nach 12 Uhr des 23. August sollte in Paris einmarschiert werden!


Die südliche Säule (Alençon – Palaiseau) bestand aus:

- einem französischen Combat Command (CC)

- dem Hauptharst der amerikanischen Kavallerie (Aufklärungstruppen)

- dem Hauptquartier des V. Korps

- der 4. Division, verstärkt durch

  • zwei Panzerabwehrbataillone

  • ein Fliegerabwehr-Bataillon

  • zwei Panzer-Bataillone.

Marschordnung in dieser Aufzählung.

Geschätzte Länge: 22 Stunden und 40 Minuten !


Aus irgendwelchen ungeklärten Gründen erschienen die britischen Truppen trotz General Eisenhowers ausdrücklichem Wunsch, dass auch der Union Jack beim Einmarsch in Paris gezeigt werde, nicht.


Irgendwelchem fettem Stabsmolch wird das Butterbrot - Butter und Marmelade voran - auf die Befehlsentwurf-Notiz gefallen sein, was den Text zur Unleserlichkeit verunstaltet hat, weshalb die Reinschrift und damit auch die Weiterleitung des Befehls schlicht und ergreifend unterblieb.


Aus negativer Erfahrung und um den französischen Truppen, die beide Vormars­ch-Axen anführten, nochmals klar zu machen, dass der immer noch laufen­de Waffenstillstand zu respektieren sei, ordnete Gerow an, die Linie Versailles – Palaiseau dürfe nicht vor dem Mittag des 23. August überschritten werden.

 

Mittwoch, 23. August 1944

General Gerow machte sich die falschen Sorgen. Die französische Division war bereits weit davon entfernt, zu früh in Paris einzumarschieren. Leclerc hatte vom Korpskommandanten den Befehl bekommen, unverzüglich zu starten. Die 2. Panzerdivision liess den 22. August ungenutzt verstreichen; sie begann den lange ersehnten Marsch erst am Morgen des 23. August....

Mittwoch, 23. August 1944, 11 Uhr

Bradley schien es, wie er sich später erinnerte, dass die französischen Truppen widerwillig durch den "gallischen Wall" der den Vormarsch längs der Marschaxe mit Wein und Feiern abbremsenden Bevölkerung vorwärts stolperten. Gerow hatte den gleichen Eindruck. Er meinte, der deutsche Widerstand sei leicht und die französischen Angriffe halbherzig. (Der Beginn der deutsch-französischen Freundschaft!) Dem Korpskommandanten erschien es, dass die Franzosen in einer one-tank front fochten und nicht bloss geneigt waren, Hindernisse mit Umgehungsmanövern zu begegnen, sondern sich auch sträubten, in die von den Besetzern benützten Gebäude zu feuern.

Er war verärgert, weil nach seiner Meinung Leclerc jeden Befehl ignorierte, den Angriff aggressiver vorzutragen und den Vormarsch zu beschleunigen. Der Korps­kom­mandant beantragte bei der Armee die Erlaubnis, die amerikanische 4. Infanterie-Division nach Paris zu schicken. Er dachte, wenn er diese Ermächtigung habe, könne er damit Leclerc beschämen, bei der Ehre nehmen und unter Druck setzen, die militärischen Aktionen zu verstärken und mit grösserem Effort zu versehen. Noch ärgerlicher reagierte der Heeresgruppenkommandant: Bradley bewilligte, was Gerow anforderte und rief aus, man könne nicht warten, bis die Franzosen ihren Tanz nach Paris beendet hätten. „Zur Hölle mit ihrem Prestige! Die 4. Division soll dahin losstürmen und sich die Befreiung der Stadt holen.“

Der Stab der Vierten begriff, dass seine Division nun den Befehl hatte, in Paris einzurücken im Sinne einer durchaus normalen Verstärkungsoperation zu Gunsten eines Verbandes, der unerwartete Schwierigkeiten hatte mit dem Feind, der sich nicht zurückzog, sondern seine Verteidigungsposition festigte.

Eigentlich hätte Leclerc allen Anreiz gehabt, so schnell wie möglich in Paris einzumarschieren. Das Prestige, das für die französischen Streitkräfte auf dem Spiel stand, war ihm gänzlich bewusst. Er wusste auch, welche persönlichen Auszeichnungen ihn als Held der Befreiung erwarteten. Er hatte widersprüchliche und übertriebene Berichte deutscher Drohungen, Vergeltungsmassnahmen und Zerstörungen gehört, denen allen nur durch reguläre, einmarschierende Truppen begegnet werden könne. Er wusste auch, dass de Gaulle von ihm erwartete, dass er noch am 24. August in Paris sei, um den vernichtenden Kampf um die Macht in der Metropole zu vermeiden. Am Vorabend hatte er ihm geschrieben: „Morgen wird die Entscheidung in dem Sinne fallen, wie wir dies wünschen.“ Aber dieses „Morgen“ hatte nur noch wenige Stunden.


Vier Faktoren retardierten nach amerikanischer Auffassung die Division Leclerc:

- mangelhafte Angriffsdispositionen

- die Abneigung dieser Truppe, französisches Eigentum zu beschädigen

- das echte Problem für das Vorwärtskommen, das die französische Bevölkerung mit ihrer enthusiastischen Willkommenskundgebungen boten

- der deutsche Widerstand, der ernsthafter war, als man angenommen hatte.

Ein britischer Nachrichtenoffizier rapportierte, es gebe keinen Hinweis, dass die Franzosen zu langsam vorrückten. Die französische Panzerdivision habe sich mit hoher Geschwindigkeit nach Paris verschoben. Die am Wege lagernden feindlichen Elemente hätten jedoch mit grobem Geschütz Widerstand geleistet. Unwiderlegbarer Beweis für die Ernsthaftigkeit der deutschen Gegenwehr sind die französischen Verluste auf dem Marsch nach Paris: 71 Getötete, 225 Verwundete, 21 Vermisste; 35 (!) Panzer, 6 selbstfahrende Geschütze, 111 total zerstörte Pneufahrzeuge. Für eine Panzerdivision sind diese Verluste recht schwer.


Armeegeneral Hodges verlangte gebieterisch, dass die alliierten Truppen unverzüglich in Paris einrücken müssten. Eine Priorität für die französischen Verbände komme nach dem bisherigen Verlauf nicht mehr in Betracht. General Gerow befahl hierauf Leclerc: "Treiben Sie Ihren Vorstoss an diesem Nachmittag energisch voran und setzen Sie den Vormarsch in der Nacht unvermindert fort!“ Er benachrichtigte General Barton von der 4. US-Division, dass er zwar noch einen Brückenkopf über die Seine bei Corbeil zu errichten und zu sichern habe, aber nun müsse er seine Hauptanstrengungen von Richtung Ost zur Richtung Nord (Paris) verlegen. Mit allen verfügbaren Mitteln solle er einen Weg in die Stadt hinein erzwingen und zwar so rasch wie möglich. Als Barton meldete, er werde zwei Stunden nach Mitternacht von Villeneuve-le-Roi nach Norden starten, informierte Gerow Leclerc, Barton werde den Franzosen helfen. Er versäumte nicht, dem französischen Divisionär zu befehlen, dieser habe seinerseits Barton Unterstützung zu leisten "in every way."

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Damals sah die Gegend so aus:

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Man sieht den Flugplatz auf dieser Vergrösserung. Sicher war er damals bedeutend kleiner. Heute gehört er zu den grossen Frachtflughäfen von Paris. Deutlich wird auch, wie sumpfig das Gelände ist, wo man es nicht drainiert hat. In dem von Choltitz festgelegten Schutzgürtel um Paris wird Toussus-le-Noble nicht erwähnt, wohl aber das nahe Saclay.


Billottes CC combat command hatte in dessen hauptsächlichem Kampfgebiet nördlich von Arpajon eine viel schwierigere Phase durchzustehen. Plötzlich begegnete es Widerstand. Die französische Truppe musste verbissen durch eine lange Reihe von deutschen Aussenposten, Strassensperren und gutpositionierten Stützpunkten, die mit zahlreichen für die Panzerbekämpfung eingerichteten Fliegerabwehrgeschützen bestückt waren, vorrücken. Enge, kurvenreiche Strassen durch eine dicht bevölkerte Region kleinerer Dörfer und Stätchen mit massiven Häusern hinderten den raschen Vormarsch zusätzlich. Zwei ausgewachsene Sturmangriffe waren erforderlich, um Massy einzunehmen, und folgenschwere Strassenkämpfe waren nötig, um das stark verteidigte Fresnes endlich gegen Abend zu erobern. Der Einsatz der taktischen amerikanischer Luftwaffe zur Unterstützung war wegen des Regenwetters nicht möglich.


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Die Distanz (Luftlinie) von Arpajon nach Fresnes beträgt 20 km. Recht gering für einen Panzerverband.


Chevreuse 1:50'000, Blatt 10 G/1, Ausschnitt (Schwarzweiss-Fotokopie der BNF Richelieu), Geographical Section, General Staff N° 4250, 1943.

Jedes Quadrat hat eine Seitenlänge von einem Kilometer. Mit Karten dieser Ausgabe arbeiteten die alliierten Truppen.

North west Europe, 1:250'000, Blatt 7: Rouen-Paris, Ausschnitt, Geographical Section, General Staff N° 4042, 1938/43

Die Angriffsbasis Versailles-Palaiseau hätte eine Länge von 13 km gehabt, der Abstand zur Notre Dame von Paris hätte 16 km betragen. Keine grosse Aufgabe für eine Panzerdivision!

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US-General Barton benützte diese Karte:

Der Trümmerbefehl !


Foto des Befehls an Model (seit 16.8.44 Oberbefehlshaber West) von Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes, im Auf­trag Hitlers.

Quelle

Blumenson: Hitler Msg, quoted in full in Msg, OB WEST to AGp B, 1100, 23 Aug, AGp B Fuehrerbefehle. Choltitz (Soldat unter Soldaten, pp. 255-59) and Schramm (MS # B-034) date Hitler's order as 22 August, and it is possible that some commanders received the substance of the message before the official reception and recording of it. The AGp B KTB reports the order in an entry at 1030, 23 August.

 

Choltitz begann über sein Unterordnungsverhältnis zum Führer nachzudenken, als er den Trümmerbefehl erhielt. Da Hitler auf das Bestimmteste erwartete, der Stadtkommandant und die ganze Pariser Bevölkerung müssten unter den Ruinen der Stadt umkommen, realisierte er nun deutlich. Choltitz dachte nach. Zur gleichen Zeit erfuhr er, dass die 348. Division, welche sich von Nordfrankreich her zur Verstärkung der Verteidigung der Hauptstadt auf Paris zu bewegte, nun in Stellungen an der Seine nördlich der Kapitale eingewiesen wurde. Zynismus erfasste den Statthalter Hitlers: "Seit unsere Feinde es ableh­nen, auf unseren Führer zu hören und ihm zu gehorchen, verläuft der ganze Krieg schlecht," soll er abends bei einem Dinner von sich gegeben haben.

Eine seiner ersten Reaktionen auf den Trümmerbefehl war ein Telefongespräch mit Model: er protestierte, dass das deutsche Oberkommando nicht mehr im Einklang mit der Realität sei. Die Stadt könne nicht verteidigt werden. Paris sei in Aufruhr. Die Franzosen hätten wichtige Verwaltungsgebäude besetzt. Die deutschen Kräfte seien dem eingegangenen Befehl nicht angemessen. Die Energieträger seien knapp. Die vorhandenen Rationen würden gerade einmal ausreichen, die Truppen während zwei Tagen zu versorgen. Aber es gelang Choltitz nicht, vom linientreuen Model eine befriedigende Alternative zu erlan­gen. Daher rief er Speidel, den Stabschef Models in der Heeresgruppe B, an. Sarkastisch dankte er General Speidel für den liebenswürdigen Führerbefehl. Er habe diesen insofern erfüllt, als er drei Tonnen Sprengstoff in die Notre Dame habe bringen lassen und eine ins Abgeordnetenhaus, das Palais Bourbon. Er habe Vorbereitungen getroffen, um den Arc de Triomphe einzuebnen. Er sei auch bereit, die Opéra und die Madeleine zu zerstören und er plane, den Eiffel­turm mit Dynamit in die Luft zu sprengen. Alsdann benütze er dessen Trüm­mer, um die Seine zu blockieren. Im Übrigen erachte er es als unmöglich, die 70 Brücken besonderer Art zu zerstören. (Choltitz übersah wohl, dass Hitler ge­nau das meinte, was er selbst als Sarkasmus verstand.)


Auch Speidel hatte den Führerbefehl vom Oberkommando der Wehrmacht er­halten. Er hatte begriffen, dass allein die Sprengung der Brücken der Zerstö­rung von Denkmälern unschätzbaren Wertes und der benachbarten Wohnge­biete gleichkam. Später behauptete er, den Befehl nicht nach Paris weitergelei­tet zu haben; Choltitz habe ihn direkt vom OB WEST bekommen. Jedoch wurde Speidels Telefon von der Gestapo überwacht, weil man ihn der Komplizenschaft mit der gegen Hitler gerichteten Verschwörung vom 20. Juli verdächtigte. Spei­del widerrief später, Choltitz so diplomatisch und so indirekt, wie es ihm mög­lich gewesen sei, dahin zu drängen, Paris nicht zu zerstören.

Choltitz hatte auch nicht die Absicht, aus Paris ein Trümmerfeld zu machen. Ob er vom grossherzigen Wunsch beseelt war, Menschenleben zu schonen und auch ein grosses kulturelles Zentrum, oder ob er ganz einfach aus Mangel an technischen Mitteln den Befehl nicht vollzog, - er gab später an, er habe aus beiden Motiven so gehandelt – so bleibt die Tatsache, dass die Vertreter der neu­tralen Mächte in Paris Druck auf ihn ausübten, Paris zu evakuieren, um eine Schlacht innerhalb der Stadt zu vermeiden. Choltitz jedoch lehnte einen Abzug ab. Ob er ein Doppelspiel plante oder nicht, jedenfalls blieb seine Bereitschaft bestehen, Gefechte in Paris zu vermeiden, aber seine Entschlossenheit, die Stadt vor ihren Grenzen zu verteidigen, war unverändert. Diese Verteidigung schloss die Eventualität ein, die Zerstörung von Brücken befehlen zu müssen, aber auch die Zurückweisung von drei alliierten Ultimaten, sich zu ergeben, und ebenfalls die Absage an die Verbündeten, die dem Besatzer die Gelegen­heit anboten, sich zurückzuziehen.

Die Feldbefestigungen in der westlichen und südlichen Nachbarschaft von Paris bildeten einen soliden Verteidigungsgürtel, jedenfalls war er effizienter, als Au­lock dies eingeschätzt hatte. Es lag auf der Hand, dass eine Truppe von 20'000 Mann, verteilt über ein recht grosses Gebiet, die Alliierten nicht für längere Zeit zurückzuhalten vermochte. Aber starken Widerstand zu leisten waren die Deutschen in der Lage. Artillerie, Panzer und Fliegerabwehr-Geschütze – diese auch als Pan­zerabwehr gedacht – befanden sich in den Stützpunkten in

 

Trappes,

Guyancourt,

Châteaufort,

Saclay,

Massy,

Wissous und

Villeneuve-le-Roi.

 

Die Strassen Paris-Versailles waren mit Blockaden versehen

und zudem gab es vorgeschobene Aussenposten in

Marcoussis und

Montlhéry

sowie starke kampfbereite Aussenposten in

Palaiseau und

Longjumeau,

welche die Annäherung an die Stellungen deckten, die den Highway nördlich von Arpajon sicherten.


North west Europe 1:250'000, Blatt N° 7: Rouen-Paris, Ausschnitt, Geographical Section, General Staff N° 4042, 1938/43

 

Die Führung der Résistance machte sich Gedanken über das Verhalten des Be­satzungskommandanten Choltitz. Sie waren etwas ratlos. Sie begann seine überraschende Umgänglichkeit als eine Art Schwäche zu interpretieren: Er musste eine Schwäche für die Schönheit der Stadt und ihre historische und kulturelle Bedeutung haben. Man nahm an, dass ihn die Zerstörungen entsetz­ten, zu denen er die Möglichkeiten besass. In der Résistance wunderte man sich, ob er bekümmert sei, dass das Schicksal ausgerechnet ihn dazu auser­wählt habe, in die Geschichte als der Mann einzugehen, der die einzigartige Stadt verwüstet habe. Nur so konnte man sich seine vorgetäuschte Ignoranz der Résistance und deren Schwächen und Probleme erklären, sein zurückhal­tendes Benennen des Aufstandes als alleiniger Akt von infiltrierten Terroristen, welche versuchten, eine friedvolle Bevölkerung zur Revolte anzustacheln. Er täuschte auch vor, er habe keine Autorität über die Zivilbevölkerung, obwohl ihm Hitler die uneingeschränkte Vollmacht gegeben hatte, Paris zu verwalten. Es erstaunte, dass er Nordlings Darlegung akzeptierte, die Mitglieder der Rési­stance seien keine Terroristen oder Raufbolde, sondern französische Patrioten. Wie kam ein Nazi-General dazu, in eine Waffenruhe einzuwilligen? Die Rési­stance war sich nicht schlüssig, was Choltitz motivierte, ob es diese Schwäche für Paris sei oder das Bewusstsein, die deutschen Anliegen seien hoffnungslos. Die scheinbar gleichgültige, aber vielleicht wohlüberlegte Bemerkung gegen­über Nordling, dass doch gewiss nicht von ihm erwartet werden dürfe, sich ei­ner irregulären Truppe, wie es die FFI seien, zu ergeben, schien ein genügend klares Anzeichen dafür zu sein, dass er seine Ehre retten und seine Familie in Deutschland schützen wollte. Er wollte wohl mindestens ein Gefecht vortäu­schen, ehe er zu kapitulieren bereit war und dies wollte er nur gegenüber überlegenen militärischen Kräften tun, after a show of arms.

 

General Choltitz, fotografiert bei der Festnahme: 25.8.1944


Diese Notwendigkeit, die alliierten Kommandanten zu überzeugen, dass regulä­re Truppen in Paris erforderlich seien, liess Choltitz zwischen Wunsch und Pflichterfüllung schwanken. Offizielle und inoffizielle Emissäre der Résistance verliessen die Stadt und suchten Kommandanten der Verbündeten. Nordlings Bruder Rolf und verschiedene andere erreichten in kleiner Gruppe die alliierte Linie am 23. August. Sie folgten den Jalons zum Hauptquartier der 3. Armee. Deren Oberbefehlshaber Patton, ein Haudegen, enttäuscht, nicht selbst mit sei­nen Truppen auf Paris angesetzt worden zu sein, schätzte die Bemühungen der französischen Delegation als geringwertig ein. Die Leute wollten bloss eine Suspension der Feindseligkeiten, um ihre Stadt zu retten und möglicherweise auch die Deutschen. Er schickte sie zu General Bradley weiter, von dem er er­wartete, der werde sie in Arrest setzen.


Ausgerechnet Patton kommt im Film „Brennt Paris?“, auf den der erste Titel dieser Website Bezug nimmt, die Rolle zu, er habe einem sofortigen Vorstoss nach Paris zugestimmt und die französische 2. Panzerdivision des Generals Leclerc mit dieser Mission betraut.


Der Vermittler Raoul Nordling, schwedischer Konsul, fotografiert 1950

Noon

Um diese Zeit lief der Waffenstillstand zwischen der Besatzungsmacht und der Résistance aus.

Zu dieser Stunde sollte Choltitz nach Meinung der Alliierten kapitulieren.

Zeitgleich, um die Ordnung in der Stadt aufrecht zu erhalten und um eine kom­munistische Revolution zu verhindern, hätte Leclerc einmarschieren müssen.

Nichts von all dem geschah.

Auf der alliierten Seite war man praktisch ohne Informationen über die aktuelle Situation in Paris und auf den Zugängen zur Stadt. Als General Leclerc in Ram­bouillet mit einem kleinen Detachement um die Mittagszeit des 23. August an­kam und damit seiner Division weit voraus war, erfuhr er als Erstes von seinen Erkundungselementen und von der französischen Zivilbevölkerung, dass durch die westlichen und südwestlichen Vorstädte von Paris scheinbar eine solide Ver­teidigungslinie verlaufe, die durch Panzer, Panzerabwehrwaffen und Minen ver­stärkt sei. Das bedeutete, dass ein grösserer Effort der ganzen Division erfor­derlich sein würde, um den Weg in die eigentliche City zu öffnen.

Mittwoch, 23. August 1944, abends

Am Abend des 23. August war die Spitze der nördlichen Kolonne einige Meilen über Rambouillet hinaus auf dem Weg nach Versailles; die südliche hatte Li­mours erreicht. An beiden Positionen begegneten die Franzosen Widerstand.


Immerhin liegt der vorbeschriebene deutsche Verteidigungsgürtel deutlich hinter Rambouillet und Limours. Ausserdem hat bereits am 20. August das amerikanische XX. Korps Chartres und Arpajon eingenommen. Ich will dennoch nicht bestreiten, dass Leclerc auf Widerstand gestossen ist. Ob dieser aber eine grossräumige, befehlswidrige Umgehung gerechtfertigt hat, steht auf einem andern Blatt. Solche Operationen kosteten stets - auch in diesem Fall - Zeit und kostbare Resourcen.


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Es sei in Erinnerung gerufen, dass die nördliche und die südliche Vormarschsäule, welche das V. US-Korps festgelegt hatte, von Lerclercs Truppen angeführt wurden.

 

General Leclerc war bestrebt, den FFI in Paris zu Hilfe zu kommen. Er dachte, zu dieser Zeit hätten die Résistance-Kräfte das Innere der Stadt bereits be­freit. Und dabei zwangen die Umstände den französischen Befehlshaber, seinen Angriff zu verschieben. Er musste bis zum kommenden Morgen warten, weil die Hauptmacht seiner Division erst allmählich im Raum Rambouillet eintraf.

 

Pierre Billotte

Louis Dio

Paul Anne Joseph Alexandre Baron Girot de Langlade

Leclercs Angriffsplan wich von den Instruktionen General Gerows ab. Zwei combat commands, jenes des Colonel de Langlade und das des Colonel Dio - in dieser Reihenfolge -, rückten auf der Nordroute gegen Rambouillet vor. Oberst Pierre Billottes combat command marschierte auf der Südroute. Statt mit gros­ser Anstrengung von Westen her durch Rambouillet und Versailles vorzustos­sen, entschied Leclerc eigenmächtig, das Hauptgewicht seines Angriffs auf Pa­ris von Süden her, von Arpajon, vorzutragen. Er lenkte Billotte über Limours nach Arpajon um und befahl ihm, dort nach Norden zu drehen und dann die Metropole in ihren südlichen Teilen anzugreifen. Oberst Dio schickte er auf die Südroute zur direkten Unterstützung Billottes. Die CCR (Combat Command Re­serve) sollte einen ablenkenden Angriff in Richtung St. Cyrs inszenieren, wäh­rend Langlade Versailles südlich zu umgehen habe. Er solle durch Chevreuse und Villacoublay nach Sèvres vorrücken. Als Leclerc seine Operationsabsichten General de Gaulle zeigte, der an diesem Abend in Rambouillet war, sagte de Gaulle lediglich, Leclerc sei glücklich, die Gelegenheit zu haben, Paris zu befrei­en. Er liess implizite die Schlussfolgerung zu, er habe Leclercs Eigenmacht ge­nehmigt.

 

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Wer Leclercs Neigung, seine Truppe zu verlieren, in Betracht zieht, kann bei diesem Operationsplan, durch ausgedehnte Wälder (heute Naturpark) mit Panzern weit auseinander gezogen vorzustossen, nur den Kopf schütteln. Zu früh, denn die Landschaft hatte damals ein anderes Aussehen:


Billotte marschierte - wie vorgesehen und befohlen - auf der "amerikanischen" Südroute. Leclerc lenkte ihn eigenmächtig nach Arpajon ab, um von dort Palaiseau und Paris anzugreifen. Damit kollidierte er in den Vormarsch der Vierten aus dem Süden von Paris.

Dio befand sich auf der - "französischen" - Nordachse, gemäss Befehl des Armeekorps. Leclerc befahl ihn ohne Rückfrage beim Korps auf die Südroute, um ebenfalls von Süden her - über Palaiseau - Paris anzugreifen.... Selbstredend störte auch er damit den geordneten Vormarsch auf der Südachse.

Map XIII Blumenson

 

Die Amerikaner waren mit dem Vorgehen Leclercs ganz und gar nicht einverstanden. Noch Jahre später vermochten sie nicht zu verstehen, was dessen Gründe waren, die Weisungen des V. Korps so krass zu missachten. War es Leclerc zuwider, den Angriff durch Versailles hindurch zu führen, weil er die dortigen nationalen Monumente schonen wollte? Machte er sich Sorgen wegen der Absicherung seiner rechten Flanke zur Seine und wegen der zerstörten Brücken zwischen Corbeil und Paris? Er hatte seine Truppen ge­warnt, die grossen Verkehrsadern zu benützen; warum denn benützte er ausgerechnet den breiten Orléans-Paris Highway, der durch Arpajon verläuft? Wollte er seine Unabhängigkeit und seine Ressentiments gegenüber amerikani­scher Kontrolle demonstrieren und zwar auf diesem Felde, das er als strikt französisch betrachtete? Ein gefährliches Spiel im Angesicht des Feindes, der nicht zu unterschätzen war. Vielleicht sah er General Gerows Instruktionen nicht, was sich höchstens auf den schriftlichen Korpsbefehl beziehen konnte und in Anbetracht des bis dahin geordneten, plangemässen Vormarsches wenig wahrscheinlich bleibt.

Militärische Basis der Entscheidung Leclercs war seine Einschätzung, der Wi­derstand längs der Axe Arpajon-Paris werde weniger robust sein als auf dem Weg Rambouillet-Versailles. Die Annahme basierte auf der Rekognoszierung Major Guillebons Detache­ments, das Leclerc vor zwei Tagen völlig eigenmächtig vorausgeschickt und befehlswidrig nicht zurückbeordert hatte. Diese französische Aufklärungsgruppe war am Vortag bei Arpajon deutschen Aussenposten begegnet. Sie waren schwach im Vergleich zu den feindlichen Stellungen in Rambouillet. Südlich von Paris hatten Truppen des XX. US-Korps Aussenposten weggefegt und die deutsche Verteidigungs­linie freige­legt. Allerdings hatte auf der von Leclerc ausgewählten Axe des Eindrin­gens in die Hauptstadt die deutsche Verteidigung die grösste Tiefe.


Donnerstag, 24. August 1944

Die Verschiebung eines mechanisierten und motorisierten Armeekorps ist eine aufwändige Angelegenheit. Sie benötigt viele Stunden. Der Raumbedarf ist enorm, denn zwischen den Fahrzeugen sind erhebliche Abstände einzuhalten, um feindlichen Fliegern nicht durch Massierungen lohnende Ziele zu bieten. Ein erheblicher Teil des Marsches fand bei Nacht und erst noch mit Tarnlichtern statt. Nur eine extreme Marschdisziplin gewährleistet, dass kein Fahrzeug ver­lorengeht (es nützt nichts, wenn die Geschütze ankommen, aber die Wagen mit den Feuerleiteinrichtungen fehlen) und alle geordnet am rechten Ort eintreffen, so dass der Führer sie gleich zum Einsatz bereit in der Hand hat, auch wenn Pannen, Verkehrsunfälle oder Feindeinwirkungen sich dem entge­genstellen.

Es ist somit klar, dass Lerclercs nicht autorisierte Änderungen der Marschrou­ten und Marschziele zu Verwirrung und Chaos führen mussten. Mit der Umlen­kung in Operationsräume der Amerikaner stiessen grosse Elemente der 2. französischen Panzerdivision in den Raum der amerika­nischen 4. Infanteriedivision. Mit dem unerlaubten Wechsel des Hauptoperation­sgebietes von Versailles nach Arpajon verliess die Division Leclerc auch die Reichweite der Artillerie des V. Korps. Als General Gerow am Morgen des 24. August den Operationsbefehl Leclercs zur Kenntnis bekam, warnte er unver­züglich General Barton, den Kommandanten der 4. Infanteriedivision, die Fran­zosen würden in seinen Sektor eindringen; er befahl dem amerikanischen Divi­sionär aber, seine Mission ohne Rücksicht auf die französischen Truppenbeweg­ungen fortzusetzen.


Dann orientierte er General Hodges, den Oberbefehlshaber der 1. US-Armee, über Leclercs selbstherrliche Aktivitäten. Hierauf fuhr der Korpskommandant nach Rambouillet, um den französischen Divisionär zur Rede zu stellen. Er er­fuhr dort, der Divisionskommandant habe Rambouillet bereits verlassen. Gerow folgte ihm, aber mittlerweile war das Durcheinander auf der Strasse schon so verheerend, dass der Korpskommandant umkehren und auf seinen Komman­doposten zurückkehren musste.

Bei Tagesanbruch des 24. August hatte Leclerc seinen Angriff auf Paris lanciert. Den Start begleitete ein Wolkenbruch, der sich später in Nieselregen beruhigte. Zur Linken schirmte die CCR Combat Command Reserve mit einem Ablenkungsman­över nach St. Cyr die Operation von Langlade ab, der sich nach Châteaufort und Toussus-le-Noble vorwärts bewegte. Die Panzerkolonne begegnete rasch Minen und Artillerie-Feuer. Nach einem vierstündigen Feuergefecht auf kurze Distanz setzten die Franzosen drei von acht Panzern der Verteidiger ausser Gefecht und drangen in die deutsche Linie ein.

Chevreuse 1:50'000, Blatt 10 G/1, Ausschnitt (Schwarzweiss-Fotokopie der BNF Richelieu), Geographical Section, General Staff N° 4250, 1943.

Jedes Quadrat hat eine Seitenlänge von einem Kilometer. Mit Karten dieser Ausgabe arbeiteten die alliierten Truppen. In der Karte nicht eingetragen ist der seit 1915 bestehende Flugplatz nördlich von Toussus-le-Noble. En 1936, la première aérogare est construite sur le terrain. Ce terrain devient militaire à le veille de la guerre. Pendant la guerre de 1939-1945, il est occupé par l'Armée de l'air allemande, qui assèche l'étang du Trou-Salé à l'est du terrain. Il est bombardé par les alliés à plusieurs reprises. Mit transparenten violetten Ringen weise ich auf zwei Objekte hin, die ich als Bunker anspreche. Es liegt auf der Hand, warum die Deutschen gerade hier Widerstand leisteten.



Die Rekognoszierung Major Guillebons war also verheerend und die Schlussfolgerungen Leclercs waren es ebenso. Er hätte Rambouillet und Versailles niemals umgehen dürfen. Hätte er die ganze Kraft seiner Panzerdivision auf diese verhältnismässig kleinräumige Aufgabe angesetzt, wäre er bald einmal in Paris gewesen und er hätte die Beseitigung der tiefgestaffelten Verteidigung Richtung Süden der amerikanischen 4. Infanteriedivision überlassen können, so wie es das Korps vorgesehen hatte. Statt dessen holte er sich viele schwere Verluste und die Amerikaner konnten - zwar verägert über die französische Unbotmässigkeit und das von ihr angerichtete verzögernde Durcheinander, aber ziemlich unbeschadet - in den freigelegten Spuren der Franzosen ins von den G.I. erträumte Paris einfahren. ("If I was from Paris I would say ooh la la"). Das war manchem Angehörigen der Division Leclerc, die Tote und Verwundete und erhebliche Materialverluste zu beklagen hatte, definitiv verwehrt. 


Für die amerikanischen Kommandanten, welche dem französischen Vorrücken mitten am Nachmittag des 24. August folgten, war es unglaublich, dass Leclerc Paris auch mehr als 24 Stunden nach Ablauf des Waffenstillstandes in der Stadt immer noch nicht erobert hatte. Seit sie den Rückzug der Deutschen erwarteten, schien der ohnehin langsame Vormarsch der Division Leclerc ins Stocken geraten zu sein. Dieses Empfinden wurde dadurch untermauert, dass die Franzosen gescheitert waren, sich direkt von Argentan auf die befohlene Angriffsbasis Versailles-Palaiseau zu verschieben für die von da aus nach der Mittagszeit des 23. August zu startende Attacke auf Paris. Leclercs Unvermögen, wenigstens am 24. August schnell vorzurücken, legte für die Amerikaner nahe, dass er nicht bereit war, französisches Leben und Eigentum zu gefährden, und dass er daher die für das beschleunigte Vordringen nötigen Mittel gar nicht einsetzen wollte. Auch das wäre als Insubordination zu qualifizieren gewesen, denn Leclerc hatte Instruktionen bekommen, für die Vororte gälten die Restriktionen für Paris bezüglich Bombenangriffe und Granatfeuer (bombing and shelling) nicht.

Corbeil 1:50'000, Blatt 10 G/2, Ausschnitt (Foto aus der BNF Richelieu, darum verzerrt), Geographical Section, General Staff N° 4250, 1943.

 

Jedes Quadrat hat eine Seitenlänge von einem Kilometer.