48Die amerikanischen Befreier von Paris I

2. - 20. August 1944

 

 

Die amerikanische Strategie

 

Blumenson, Map XII

 

Zum Vergrössern und Erkennen der Ortschaften hier anklicken

Der Vormarsch des 15. und des 20. US-Armeekorps


Blumensons Darstellung der Entwicklung vom 2. - 25. August

 

Die amerikanische Strategie

Chapter XXIX

The Liberation of Paris

http://www.ibiblio.org/hyperwar/USA/USA-E-Breakout/USA-E-Breakout-29.html


Das nachfolgend dilettantisch übersetzte Dokument legt die amerikanische Sicht der Eroberung von Paris dar und ihr Verhältnis zu de Gaulle etc.

Es ist Teil einer grossen Studie, welche die Militärverwaltung nach 1953 veröffentlichte. Hier deren Vorwort:

 

This is a history of coalition warfare. It is focused upon the agency in which the decisions of governments were translated into orders, and upon the decisions of General Eisenhower, the Supreme Commander, Allied Expeditionary Force. The narrative describes the plans and recounts the events, controversial or otherwise, leading up to the creation of the Supreme Command and the choice of a Supreme Commander for the cross-Channel attack. It follows the history of this great command to the surrender of Germany. It is the history not only of the decisions that led to victory, but of the discussions, debates, conferences and compromises that proceeded decisions. Controversy was inevitable in an undertaking that required the subordination of national interests to the common good. The author does not gloss over the conflicts that arose between allied nations or individuals. The picture that emerges from these pages is one of discussion and argument, but nevertheless one of teamwork. Differences of opinion and the discussion incident thereto are often the price of sound decisions.

The nature of the subject, the purpose of the author, and the generous contributions of information by the British make this an Anglo-American, rather than a strictly American, history. Subsequent publications based on a full exploration of British sources may be expected to round out the picture and give it deeper perspective as the history of a joint undertaking.

Washington, D.C.
27 January 1953
  ORLANDO WARD
Maj. Gen. U.S.A.
Chief of Military History

http://www.ibiblio.org/hyperwar/USA/USA-E-Supreme/


Doch vorerst noch ein "offizielles" amerikanisches Exposé zur übergeordneten Strategie der US-Armee auf dem europäisch-nahöstlichen Kriegsschauplatz

 

WORLD WAR II - EUROPEAN-AFRICAN-MIDDLE EASTERN THEATER

 

United States Army in World War II

European Theater of Operations

The Supreme Command

Forrest C. Pogue

 

The Allied strategic plan was to take over Breton ports and then to secure a lodgment area as far east as the Seine River, to provide ample room for air and supply bases. It was then intended to advance into Germany on a broad front. The principal thrust east was to be north of the Ardennes Forest in Belgium with General Montgomery's British 21st Army Group. A subsidiary thrust by General Bradley's newly formed U.S. 12th Army Group, comprising the U.S. First and Third Armies, was to be made south of the Ardennes. This northern route was chosen because it led directly into the Ruhr area where Germany's industrial power was concentrated.



The Allied strategic plan underwent considerable modification early in August to seize upon the advantages of the breakout and exploit the principle of maneuver. When the Germans counterattacked with the intention of restoring a stable front and cutting off U.S. forces moving toward Brittany, they unwittingly offered the Allies an opportunity to encircle them. British forces on the left moved toward Falaise and U.S. troops to the right executed a wide circling maneuver toward Argentan, roughly halfway between St. Lo and Paris. Caught in a giant pocket, the Germans nevertheless extricated many troops before the Argentan-Falaise gap was closed on 20 August, though losing more than 70,000. Meanwhile, General Patton's Third Army drove eastward across the Seine and eliminated it as a German defensive line, encircling and destroying Germans who had escaped the Argentan-Falaise pocket. The Germans lost almost all of two field armies in Normandy.



Originally it had been intended to bypass Paris in order to spare the city from heavy fighting, but, with the crossing of the Seine, fighting broke out in the city between French patriots and Germans stationed there. Lest the uprising be defeated, a column of U.S. and Free French troops were deflected toward Paris, entering the city on 25 August 1944.



General Eisenhower now altered his original plan, abandoning the idea of stopping at the Seine and instituting instead a determined pursuit of the enemy toward Germany. Because the ports of Cherbourg and Brest no were too far west to support the accelerated movement, the new plans involved capture of Channel parts and especially of Antwerp, the best port in Europe.

 

 

Die amerikanische Befreiung nach Blumenstein

 

 

Index Paris:

Paris: 660-61, 664-66, 671-75, 690 -drive on: 16, 25, 28, 30, 37-38, 48, 194, 334-35, 348-49, 357, 430, 432, 439-40, 455-56, 497, 502, 530, 532, 575-78, 582, 589, 622n, 691 - liberation of: 590-628

http://www.ibiblio.org/hyperwar/USA/USA-E-Breakout/USA-E-Breakout-Index.html

 

Einleitung:  Allied Plans

 

Als die amerikanischen Truppen sich Paris näherten, erinnerten sich die Soldaten der fantasiereichen Geschichten ihrer Väter über die AEF American Expeditionary Forces (WWI). Sie begannen selbst vom Einmarsch in die Stadt zu träumen. Trotz ihrer Hoffnungen, trotz der politischen, psychologischen und militärischen Bedeutung der Stadt und obwohl jedes der drei Korps fähig gewesen wäre, Paris ab mitte August zu befreien, hatte das alliierte Kommando lange, bis es sich entschied, die Befreiung aus Gründen der Taktik, der Logistik und der Politik zu verschieben.

 

Vor der Kanalüberquerung zur Invasion hatten es die alliierten Planer für wahrscheinlich gehalten, dass die Deutschen sich in Paris festkrallen würden. Mit zwei potentiellen Schalterlinien in den Flüssen der Marne und der Oise würden die Deutschen nicht nur günstige defensive Positionen, sondern auch über eine höchst geeignete Basis für eine Gegenoffensive verfügen. Paris direkt anzugreifen würde die Alliierten deshalb wahrscheinlich längere Strassenschlachten kosten, was aus zwei Gründen unerwünscht wäre, nämlich wegen der notgedrungenen Verzögerung der Operationen in Richtung Deutschland, als auch wegen der Möglichkeit, dass bei den Kämpfen die französische Hauptstadt zerstört würde. Die Alliierten müssten somit die deutsche Verteidigung von Paris dezimieren, bevor sie eine Aktion über die Seine initiieren könnten. Die Planer zeigten auf, dass die beste Art, die Kapitale einzunehmen, darin bestehe, sie zu umgehen und einzuschliessen, um dann die unvermeidliche Kapitulation der isolierten Garnison abzuwarten.

 

Stabsoffiziere, die für den Nachschub verantwortlich waren, bevorzugten diesen Kurs. Weil die Combined Chiefs of Staff (CCS) dem Oberbefehlshaber berichtet hatten, dass Notversorgungen an die befreiten Gebiet zu verteilen seien, wenn er das tun könne, "ohne Behinderung der logistischen und administrativen Unterstützung, die erforderlich ist, um die Streitkräfte zu versorgen, welche zur Niederringung Deutschlands engagiert sind", sahen die Logistiker die Befreiung von Paris als Belastung. Das alliierte politische Engagement konnte nicht darüber hinweg helfen, dass die Versorgung der Kampfeinheiten Vorrang hatte und militärische Operationen nicht negativ beeinflusst werden durften.

 

Diese Argumentationen schienen im August besonders gewichtig zu sein, weil die alliierten Bombardements und die französische Sabotage direkt gegen die deutschen Transporte gerichtet waren und daher die Kapitale so gut wie isoliert von ihren Provinzen war. Eine Not an Nahrungsmitteln, Kohle, Gas und Elektrizität bedrohte die Stadt. Die Planer schätzten, dass viertausend Tonnen Nachschub proTag erforderlich wären, was, umgerechnet in Ottomotorkraftstoff (gasoline), genug wäre, um die Kampftruppen während drei Tagen motorisiert auf die deutschen Grenzen hin zu bewegen. Die Desintegrierung der deutschen Kräfte in der Normandie, welche zu unmittelbaren alliierten Verfolgungsoperationen Richtung Deutschland einlud, die Notwendigkeit, die Truppen ausreichend logistisch zu unterstützen, und die Versorgung von Paris, die aus humanitären Gründen schwerlich zurückgewiesen werden könnte, waren wichtige Argumente, besonders weil die militärischen Versorgungslinien bereits stark beansprucht waren und fortwährender militärischer Druck östlich von Paris das schnelle Ende des Krieges zu bringen versprach. Die Allierten meinten, dass die Deutschen in Paris kräftemässig den Vormarsch der Verbündeten nur verzögern könnten und dass die Alliierten bald andere Übergänge über die Seine in ihren Besitz bekämen, was aber bei sachgerechter Wahrnehmung der Deutschen diese unnötigerweise dahin provozieren könnte, die Stadt zu zerstören.


Die Ziele des Generals de Gaulle, Paris auf direktem Wege zu befreien, riefen bei den Alliierten mehr Bedenken her­vor als Ansporn.

 

Einschub:

De Gaulle hatte die Forces françaises libres (dt. Freie Französische Streitkräfte, kurz FFL oder France libre) gegründet und war deren Chef. Der „Staat Frankreich“ wurde vertreten durch Marschall Pétain, den die Pariser Bevölkerung noch im Frühling frenetisch gefeiert hatte. Die Kollaboration der Vichy-Regierung mit Hitler machte das Land für die gegen den Faschismus Verbündeten klar zum Feindstaat. Die französischen Truppen, die südlich, später nördlich und Seite an Seite mit den Amerikanern und Briten kämpften, hatten völkerrechtlich keinen anderen Status als die in den alliierten Reihen eingeordneten Polen, Tschechen, Belgier u.a. - wäre da nicht der Brigadegeneral Charles de Gaulle gewesen, der die durch militärische Erfolge der Division Leclerc (und der Armee de Lattre de Tassigny) immer handfester werdende Theorie des „unbesiegten Frankreich“ vertrat. Am 3. Juni, unmittelbar vor der alliierten Invasion in der Normandie, hatte de Gaulle sein eigenes National Committee of Liberation (Comité français de la libération nationale) zur vorläufige Regierung der französischen Republik proklamiert. Das CFLN nahm im Juni 1944 den Namen Gouvernement provisoire de la République française (dt. Provisorische Regierung der französischen Republik, kurz GPRF) an. Geschickt überspielte de Gaulle die fehlende völkerrechtliche, demokratische und staatsrechtliche Legitimation: Er bildete eine „Regierung der Einmütigkeit"

 

Damit kam er den Alliierten Absichten zuvor, ein Besatzungsregime einzurich­ten, die Ruhe und Ordnung zu gewährleisten und den Weg in die Demokratie zu öffnen gehabt hätte. Es war füglich zu bezweifeln, dass ausgerechnet Charles de Gaulle, mit dem umzugehen viele ihre grosse Mühe hatten, an die Macht gelangt wäre. Würde das französische Volk in seiner Mehrheit diesen steifen, adeligen, militärischen, unnachgiebigen Mann akzeptieren? Das durfte man in Frage stellen. Eisenhower sah voraus, dass man mit diesem sturen, eigensinnigen Menschen, der von sei­nen Zielsetzungen um keinen Preis abzubringen war, wenn er erst die Leitung der Stadt Paris als Führungszentrum Frankreichs in seinen entschlossenen, ei­genwilligen Händen hatte, etwelche Mühe haben werde. Würde er je bereit sein, die Macht an demokratisch Gewählte abzugeben? Vieles sprach dafür, ihn gar nicht erst an die Schalthebel Frankreichs zu lassen und ihm also den Weg dorthin nicht freizuschlagen.

 

Nachfolgend sind Übersetzung und persönliche Bemerkungen meist verflochten. Ich bin der Meinung, Blumensons Bericht entspreche dem, was wirklich ablief. Ich habe daher die Übersetzung bzw. das, was ich dafür halte, mit meinen Auffassungen und Schlussfolgerungen "gefärbt", ergänzt, erläutert und kommentiert, ohne das durchwegs und konsequent mit Kursivschrift zu kennzeichnen. Puristen müssen also den Text in der Originalsprache lesen.

 

French Aims

 

 

Militärisch hatte Paris für die Alliierten einige Vorteile, die gewichtig waren, aber doch nicht so erheblich, dass sie nur durch die direkte Eroberung zu errei­chen gewesen wären. Für die Franzosen dagegen war Paris so etwas wie die „heilige Stadt“. Es stimmte eben weitgehend, dass Paris Frankreich war und Frankreich Paris. Das ergab sich schon aus den zentralistischen Strukturen, die hier viel ausgeprägter waren als in den andern westeuropäischen Staaten oder in den föderalistischen USA. Wer das bezweifelte, brauchte bloss auf die Stras­senkarte Frankreichs einen Blick zu werfen, um von der Gegebenheit überzeugt zu sein.

 

Innerfranzösisch war der Besitz der Kapitale darum entscheidend, weil dort die verschiedenen politischen und ideologischen Strömungen hart aufeinander prallten. Die sich bekämpfenden Kräfte unterschiedlichster philosophischer, weltanschaulicher, religiöser, wirtschaftlicher Interessen hatten nur eine einzige gemeinsame Klammer: die Feindschaft gegenüber der Besatzungsmacht, wiewohl der einzelne Besatzer in den vergangenen langen Jahren sich da und dort Sympathien und Freundschaften oder mehr erworben haben dürfte. Ein Chaos, möglicherweise ein Blutbad, ein grauenhafter, revolutionärer Macht­kampf war zu erahnen, dem Abrechnungen schlimmster Art folgen würden. Nicht zu erwarten war, dass jene, welche die schlimme Besatzungszeit ausge­halten hatten, sich von denen, die in ihrer Sicht ein Leben in bequemer Freiheit ausserhalb der Grenzen Frankreichs geführt hatten, etwas sagen lassen wür­den. Allerdings hatte die Résistance ausserhalb der Landesgrenzen eine ein­heitliche, gaullistische Doktrin und eine unbestrittene Führungspersönlichkeit. Ihre Organisation – das politische Zentrum in Algier und den Militärstab in Lon­don – war klar, unangefochten und nicht bedroht, während die notwendige Verschleierung der Struk­turen und die permanente Bedrohung durch die Gestapo und durch Rivalen für den inländischen Widerstand allerhand Auswüchse und Unübersichtlichkeiten nach sich zogen.

 

Dennoch haben Widerstandkräfte ab 1943 die alliierten Aktivitäten zur Befrei­ung des weitgehend fascistisch beherrschten Kontinents tatkräftig unterstützt und konnten nun eine möglichst baldige Befreiung vom Nazi-Joch einfordern. Die Alliierte konnten nicht übersehen, dass de Gaulle auch im schwer durch­schaubaren Wirrwarr der innerfranzösischen Résistance eine Autorität war, die zustande brachte, dem typisch französischen Fraktionalismus wenigstens inso­fern Paroli zu bieten, als eine supreme co-ordinating Résistance agency wirk­sam wurde. Namhafter Widerstand erwuchs de Gaulle auf der Linken des politi­schen Spektrums. Kommunistisch unterwanderte Gruppen hatten eine einheit­liche Doktrin, klare Ziele und profitierten von Führungserfahrungen. Die Linke der Résistance widersetzte sich der Führerschaft der Gaullisten. Sie verlangte Waffen, Munition und Versorgung mit anderen militärischen Gütern, um die Deutschen zu bekämpfen. Idealisten unter ihnen glaubten, sie könnten so die von Stalin immer energischer geforderte Zweite Front eröffnen. Jedenfalls mahnten Erfahrungen, dass Kommunisten in einem zweiten Schritt die Waffen gegen die vormaligen Koalitionspartner richteten. Da die lautstarke Linke tradi­tionsgemäss in den Grossstädten stark ist, hielten sich Abwürfe von militäri­schem Material in Grenzen; man bevorzugte ländliche Gegenden, schon wegen der unterschiedlichen Gefahr der Verfolgung der Abwerfenden und der Einsam­melnden durch die Besatzer.

Die Gaullisten etablierten sich ab Frühjahr 1944 so zu zuverlässigen Partnern der Befreiungsarmeen. Unter ihrer Führerschaft bekam die Résistance inner­halb Frankreichs einen festen Platz im Grossprojekt Overlord. Ihre Mitglieder waren nun weniger in eher unzusammenhängenden Sabotageakten involviert als in koordinierter, gezielter Nachrichtenbeschaffung und in Vorbereitungs- und Unterstützungsaktionen zu Gunsten der allierten regulären Truppen. Ein Verbindungsglied zwischen der Résistance und dem SHAEF Supreme Head­quarters Allied Expeditionary Force wurde kurz vor der Landung in der Nor­mandie geschaffen: die French Forces of the Interior. Diese militärische Organi­sation wurde vom SHAEF formell als reguläre bewaffnete Macht anerkannt und als Komponente von Overlord akzeptiert. General Koenig, dessen Hauptquartier sich in London befand, war der militärische Chef der FFI und unterstand offiziell der SHAEF. Als die Allierten in der Normandie landeten,  the FFI (except those units engaged in operations not directly connected with the OVERLORD front--primarily those in the south, which were oriented toward the bevorstehenden ANVIL (Amboss) Allied operations in the Mediterranean against southern France in 1944

landing on the Mediterranean coast) came under the command of SHAEF and thus under de Gaulle's control.

Im Juli machte sich eine starke Bewegung in Paris bemerkbar, die eine Befrei­ung der Stadt „ohne fremde Hilfe“ wollte. Es lag auf der Hand, dass darin ein Machtkampf gegen die von den westlichen Alliiierten unterstützten Gaullisten steckte. General Koenig untersagte alle unter dieser Ettikette der autonomen Befreiung segelnden Aktivitäten. Er erkannte die beabsichtigten sozialen und politischen Umwälzungen, die solchen Bestrebungen folgen würden. Koenig blieb auch nicht verborgen, dass das SHAEF die Umgehung der besetzten Stadt Paris plante; er musste daher befürchten, dass die Deutschen vorerst unge­straft den Aufstand blutig niederschlagen würden. Hätte er aber Erfolg, so wür­den die Gegner der Gaullisten die Stadt und damit das Land in eine Revolution treiben, wie das in der grossen und langen Geschichte Frankreichs mehrfach geschehen war.

Mittwoch, 2. August 1944

Am 2. August 1944 befahl Hitler dem General der Flieger Karl Kitzinger, dem militärischen Gouverneur in Frankreich, Verteidigungsstellungen entlang der Flussläufe Somme-Marne und Saône einzurichten, auf die sich die deutschen Streitkräfte aus der Normandie zurückziehen könnten. Zur gleichen Zeit aller­dings hatte er sich den Mortain-Gegenangriff ausgedacht.

Blumenson, Map XIII


Die Verteidigungsstellung Somme-Marne-Saône wurde schon 1943 angedacht, wie eine Studie aus dem Deutschen Bundesarchiv beweist. Die Linie ist nur verständlich, wenn man sich auch das typisch französische Kanalsystem mitdenkt, das die Flüsse verbindet.


Montag, 7. August 1944

Um die Erfolgsaussichten eines Rückzuges an die Seine und den Marne zu verbes­sern, verlangte Hitler vom OKW, ein der Armee-Gruppe B unterstelltes Spezial­kommando in Paris zu schaffen. Am 7. August ernannte er Choltitz, den frühe­ren Kommandanten des LXXXIV. Korps, das auf der Halbinsel Contentin untergegangen war, zum Kommandierenden General und Militär-Kommandant von Gross-Paris.


Das 84. deutsche Korps war jene Heereseinheit, die der Vierten bei der Landung und insbesondere bei der Eroberung der Halbinsel Contentin gegenüberstand. Choltitz war dort Korpskommandeur vom 17. bis 30. Juli 1944. Der Zufall wollte es also, dass sich General Barton und General Choltitz vor und in Paris nochmals als direkte Feinde begegneten.



Vorweg sollte er – so die Instruktion Hitlers – alle Taschen und Nischen ausräu­chern, welche die vier Jahre Besatzungsverwaltung in der auch im Krieg, der sich übrigens nicht allzu nah abwickelte, wunderschönen Stadt gebildet hatte. Wer der Front, die nun auf bedenklich kurze Distanz an die Seine heranrückte, nicht direkt diente, sollte sie aus eigener Anschauung mit all ihrer Mühsal und allen ihren Leiden kennen lernen. Wer immer in der Lage war, eine Waffe zu tragen, sollte unverzüglich mit der Kriegführung vertraut gemachtt werden. Ausserdem habe Choltitz – so lautete des Führers Order – die Disziplin unter den Bewaffneten wiederherzustellen, die ihrer wegen des leichten Lebens in der Pariser Garnison entwöhnt waren. Zudem hatte Choltitz Ruhe und Ordnung unter der Zivilbevölkerung aufrecht zu erhalten.


Mittwoch, 9. August 1944


Lag Hitler falsch – wie hier konkret in der Beurteilung des Generals Choltitz -, dann verbiss er sich in seinen Fehler. Er verlieh dem eingesetzten Stadtkomman­danten alle Kompetenzen und Vorrechte eines Festungskommandanten. Er hat­te uneingeschränkte Kommandogewalt über alle Truppen, die in seinem Zu­ständigkeitsbereich Dienst taten. Und er genoss absolute Autorität über die Zi­vilbevölkerung. Hitler verlangte von Choltitz, dass er die Stadt bis zum letzten Mann verteidige. Aber nicht nur die deutschen Soldaten, sondern auch die Stadt als solche sollte zur Verteidigung ihren Beitrag leisten: Alle 70 Pariser Brücken – ungeachtet ihres historischen, architektonischen oder kulturellen Wertes - sollten zur Sprengung vorbereitet werden. Die Bewaffneten hatten gemäss Führerbefehl innerhalb und ausserhalb der Stadt mit der Hingabe zu kämpfen, dass die Alliierten an der Seine blockiert würden.

Generalleutnant Hans Freiherr von Boineburg-Lengsfeld, der abgelöste Vorgän­ger des Divisionsgenerals Choltitz, hatte lediglich die Aufgabe gehabt, für Ruhe und Ordnung in der Stadt zu sorgen. Dennoch hatte er aus Eigeninitiative eine Hin­dernislinie westlich und südwestlich von Paris bauen lassen, von der er sich versprach, dass man dort mit den ihm zur Verfügung stehenden Truppen er­folgreich die Stadt vor feindlichem Zugriff bewahren könne. Er glaubte auch, dass ein Kampf innerhalb der Stadt ein gänzlich unverantwortlicher Akt wäre, weil dabei fast mit Sicherheit kulturelle Schätze irreparabel zerstört würden. Er war überzeugt, dass seine verfügbaren Kräfte – 25'–30'000 Mann der 325. Si­cherungs-Division, ausgerüstet mit Infanterie-Waffen für den Wachdienst – ausreichend seien, um die Alliierten ausserhalb der Stadt und westlich der Sei­ne abzubremsen. Unmittelbar vor der Ankunft Choltitz' wurden die Blockaden der wichtigen Strassen, die auf die Stadt hinzu führten, mit Fliegerabwehr und Sicherungselementen besetzt. Die Fliegerabwehrgeschütze dienten auch der Panzerabwehr.

Montag, 14. August 1944

General Leclerc sah sich in einer historischen Mission, die er sich unter gar kei­nen Umständen entgehen lassen wollte: Er und nur er mit seiner 2. französi­schen Panzerdivision sollte Paris vom vierjährigen Besatzungsjoch, von dieser Schmach, befreien. Er konnte den Befehl zum Losmarschieren kaum erwarten. Als er am 14. August erfuhr, dass Patton, sein Armeegeneral Teile des XV. Korps, aber nicht die Division Leclerc von Argentan aus Richtung Osten ver­schob, eilte der französische General zu seinem Korpskommandanten, um ihn zu bitten, er solle doch beim Befehlshaber der 3. Armee rückfragen, wann die 2. Panzerdivision nach Paris vorzurücken habe. Sein Nachdruck, "It is political" bewegte die amerikanischen Heerführer wenig. Der Stabschef der Patton-Ar­mee antwortete dem französischen Grafen militärisch kurz und knapp, er solle dort bleiben, wo er sei.

 

Anfang August 1944 landete die französische Division an der Utah Beach und wurde danach dem XV. Korps innerhalb der 3. US-Armee von General George S. Patton unterstellt. Sie nahm an der Operation Cobra teil und stieß danach auf Le Mans vor, von wo sie nach Norden schwenkte, um in der Schlacht von Falaise-Argentan ihren Beitrag zu leisten. Hierbei befreite sie am 12. August Alençon und bildete die Vorausabteilung des XV. Korps beim weiteren Vormarsch auf Argentan.


Für Vergrösserung hier anklicken!


Soldaten in Argentan


Ab dem 15. August wurde die Stadt von amerikanischen Streitkräften belagert, und konnte erst am 20. August befreit werden. Die Stadt wurde bei den vorausgegangenen Bombardierungen (seit 5. Juni 1944) und den Kämpfen zu 80 Prozent zerstört. Schon am 13. August war eine Kolonne der französischen Panzerdivision Leclerc von Süden her in das Stadtgebiet eingedrungen; dieser Eroberungsversuch misslang.

Mittwoch, 16. August 1944

Aber Leclerc gab nicht nach. Er insistierte bei Patton – wohl den Dienstweg über den Korpskommandanten umgehend, was an sich schon eine Disziplinlo­sigkeit gewesen wäre – brieflich, nun, wo es in Argentan nichts mehr zu tun gebe (!), könne sich doch die 2. französische Panzerdivision vorgezogen für den vorgesehenen Marsch nach Paris besammeln und aufstellen. Am Abend des 16. August suchte er den Armee-General gar persönlich in dessen Hauptquartier auf. Dort stiess er auch auf General Bradley, den Oberbefehlshaber der Heeres­gruppe 12. Die beiden ranghöheren Bradley und Patton fertigten Leclerc nicht kaltschnäuzig ab. Wohlwollend, gar herzlich und vielleicht auch herablassend sicherten sie ihm zu, die Ehre der Befreiung der französischen Kapitale werde ihm zufallen. Mit der Spürnase des Füstenfuchses hatte Leclerc den Zeitpunkt erahnt, wo General Wood, der Kommandant der amerikanischen 4. Panzerdi­vision, seine Vorgesetzten dahin zu drängen versuchte, ihm die Erlaubnis zum Einmarsch in Paris zu geben. Lachend schlug ihm der hemdsärmlige Patton auf die Schultern: „Sie sehen, Wood, Leclerc sitzt mir ärger im Nacken als Sie.“ Der Franzose war aber doch keinen Schritt weiter: Über den Zeitpunkt hatten sich die Strategen noch nicht geäussert; immerhin kündigte Patton seine Ab­sicht an, die französische Division bald über mehr als 100 Kilometer bis Dreux vorzuziehen.


Für Vergrösserung hier anklicken!


Dass auch amerikanische Offiziere und Soldaten darauf hofften und drängten, in Paris einmarschieren zu dürfen, hing mit dem Nimbus dieser besonderen Stadt zusammen, zu dessen Vermehrung die der fantasiereichen Geschichten die Veteranen der AEF American Expeditionary Forces des Ersten Weltkrieges kräftig beigetragen hatten. Für manchen G.I. - auch solche jener Stufe, wo dieses Kürzel nur zurückhaltend angewendet wurde - musste daher schon auf der Atlantiküberfahrt der Einmarsch in dieses zauberhafte Paris ein Traum und für die daheimgebliebene Gattin, Braut oder Geliebte ein Albtraum gewesen sein.



Eisenhower 1945: "The truly heroic figure of this war [is] G.I. Joe and his counterpart in the air, the navy, and the Merchant Marine of every one of the United Nations.")



Unterdessen blieben auch die Deutschen nicht untätig. Hitler forderte eine wirksamere Panzerabwehr westlich der Seine. Entsprechend wurden Waffen an taktisch erforderlichen Orten installiert. Panzerabwehr-Kompanien aus dem Sektor der Heeresgruppe G und der 6. Fallschirmjäger-Division sowie der 48. und 338. Infanterie-Division wurden in die Lücke Pa­ris-Orléans beordert, um die Hauptstadt abzuschirmen. (Die 48. ID wurde für den Aufbau einer Sicherungslinie mit Teilen der 9. Panzer-Division und der 338. Infanterie-Division in den Raum rund um Paris verlegt. Während den Erhebungen des französischen Widerstands in der Stadt wurden von der Division Einheiten zum Schutz der Brücken über die Seine abgestellt.) Alle diese Truppen sollten bald einmal mindestens zum Teil in die Verteidigung von Paris involviert sein; sie hatten amerikanische Auf­klärungskolonnen, aber auch die Vorhut von gepanzerten Verbänden, die von Le Mans aus sich gegen Osten bewegten, wirksam auszuschalten. Der Panzer­abwehrspezialist Oberst Hermann Oehmichen (vormals Beauftragter für die Überprüfung der Panzerabwehrmaßnahmen am Atlantikwall) wurde eingeflogen, um die ört­lichen Einheiten in der Verteidigung gegen gepanzerte Angreifer zu instruieren. Er brachte ein ganzes Kader von geeigneten Instruktoren mit. Zugleich führte er ein Aufklärungsbataillon herbei, eine Kolonne leichter Lastwagen und einen namhaften Nachschub an Panzerfäusten.


Volkssturmmänner mit Panzerfaust, März 1945 in Berlin


In der kurzen verfügbaren Zeit ver­mochte Oehmichen selbstverständlich keine komplett taugliche Abwehrfront zu installieren, die den gepanzerten Vormarsch der Amerikaner Richtung Paris-Or­léans hätte stoppen können; aber die Massnahmen, die er zu treffen in der Lage war, griffen und verstärkten die Verteidigung des Grossraumes Paris effi­zient.

Zur Vergrösserung hier anklicken! 


Der Abwehr eines alliierten Angriffs auf die französische Hauptstadt und die da­mit verbundene strategische Schlüsselstellung standen am 16. August im Westen

- 20 Batterien 88mm Panzerabwehr-Geschütze,

- Sicherungstruppen der 325. Division,

- Provisorische Einheiten, gebildet aus dem überschüssigen Personal aller Teile der Wehrmacht und aus Versprengten der Normandie-Schlacht

zur Verfügung.

Die Reste der 352. Division stiessen bald darauf hinzu. Gesamthaft machte das 20'000 Mann aus, deren Kampfwert allerdings nicht allzu hoch eingeschätzt werden durfte. Zum Teil waren sie nicht für den Kampf geschult, jedenfalls wa­ren sie zusammengewürfelt und damit schwer zu führen. Da die Amerikaner immer näher kamen, empfahl Cholitz, dass Oberstleutnant Hubertus von Au­lock, der Bruder des Verteidigers von St-Malo, zum Kommandanten des westlichen und südwestlichen Verteidigungsgürtels von Paris ernannt werde. General v. Klu­ge, an diesem Tage noch Oberbefehlshaber West und der Heeresgruppe B - am 19. August wurde er wegen angeblicher Verwicklung in das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli in den Selbstmord getrieben -, beförderte Aulock zum Generalmajor, unterstellte ihn Choltitz, ermächtigte und beauftrag­te ihn, die Verteidigung zu erkunden und teilte ihm Oehmichen zu, um die Pan­zerabwehrmassnahmen zu rekognoszieren. Choltitz blieb unter der formellen Kon­trolle der 1. Armee Festungskommandant. Er hatte in Paris selbst 5'000 Mann und 50 leichte und mittlere Artillerie-Geschütze sowie um die 60 in Le Bourget stationierte Flugzeuge zur Verfügung.


North west Europe 1:250'000, Blatt N° 7: Rouen-Paris, Ausschnitt, Geographical Section, General Staff N° 4042, 1938/43

 

Kluge war mit Choltitz in diesen Tagen persönlich zusammengekommen. Beide waren sich einig, dass die Stadt mit den verfügbaren Mitteln nicht während längerer Zeit verteidigt wer­den konnte. Würde die Kapitale belagert, so wären die Versorungsprobleme unüberwindlich, fanden die beiden hohen Offiziere. Ein Häuserkampf würde keinem nützlichen Zwecke dienen. Von der Zahl und der Ausbildung her war die vorhandene Truppe ungeeignet. Die von Hitler schon am 9. August befohle­ne Vorbereitung der Sprengung der Pariser Brücken erschien den Generälen schon deshalb als sinnlos, weil die deutschen Verbände die Seine nur in Paris überqueren konnten. Ausserdem fehlte es an der erforderlichen Quantität Sprengstoff! Als geeigneter erachteten Kluge und Choltitz die Verteidigung des äussersten Ringes von Paris (Francilienne? - wohl kaum!) und die Blockierung der „arteriellen“ Zufahrtsstrassen mit Hindernissen und Panzerabwehrwaffen.

 

Die A 86 (dunkelblau) zwischen Périphérique (orange) und Francilienne (grün)

 

Der innerste, 35 km lange Ring von Paris entspricht der Stadtgrenze, schneidet allerdings die gemeindeeigenen Wälder von Boulogne und Vincennes ab: Boulevard périphérique. Den haben die deutschen Generäle gewiss nicht gemeint, denn er war beim Angriff der Franzosen und Amerikaner unverteidigt, wie der ungehinderte Vorstoss des Hauptmanns Dronne am 24. August zum Rathaus, aber auch der Vorstoss der Vierten am folgenden Tag beweisen. Der zweite Ring, die Autoroute A86 „Super-Périphérique“ (78 km lang), wäre da eher denkbar, aber die damals noch nicht ausgebaute, jedoch immerhin vorstellbare Linie Périphérique de l'Île-de-France schloss beispielsweise den Flugplatz Orly aus, den die Deutschen ganz gewiss in der Hand behalten wollten. Heute bezeichnet man als äussersten Ring die Francilienne, die Autobahn 104, die in vernünftiger Distanz zur Stadt liegt, deren westlicher Verlauf, also in der Region, wo der französisch-amerikanische Angriff stattfand und logischerweise zu erwarten war, auch heute - siebzig Jahre später - noch nicht festgelegt ist...

 

Als "äussersten Ring von Paris" sahen Choltitz und v. Kluge wohl die rot-gestrichelte Verteidigungslinie, die in Map XIII zu Blumensons Exposé wiedergegeben ist.


Freitag, 18. August 1944

Trotz der Anordnung General Koenigs, des französischen militärischen Führers, Ruhe zu bewahren, und trotz oder wegen der Verminderung der deutschen Be­satzungstruppen in der Pariser Garnison, vor allem aber wegen des Näher­rückens der alliierten Front und dem Auseinanderbrechen der Pétains Vichy-Regie­rung, was ein Machtvakuum zurückliess, lud sich in Paris eine Atmosphäre des patriotischen Aufruhrs auf. Am 18. August streikte mehr als die Hälfte der Ei­senbahnarbeiter und praktisch alle französischen Polizisten der Metropole zo­gen sich aus gleichen Motiven aus den Strassen zurück. Antideutsche Demons­trationen häuften sich. Bewaffnete FFI-Mitglieder bewegten sich ziemlich un­verhohlen in der Öffentlichkeit. Plakate der Résistance tauchten auf; sie riefen zum Generalstreik, zur Mobilisierung und zum Aufstand auf.

Zur Vergrösserung anklicken

Samstag, 19. August 1944

Jodl, der Chef des Wehrmachtführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), hat das, was vom Oberbefehlshaber West und dem Pariser Festungskom­mandanten erörtert worden war, auch Hitler vorgetragen, der am 19. August jedenfalls billigte, den Brücken-Zerstörungsbefehl gegen einen vermehrten Schutz der Stadt einzutauschen. Es war ihm wohl der strategische Wert intak­ter Übergänge bewusst geworden. Neue Flak-Verbände wurden nach Gross-Pa­ris beordert. Die deutsche Führung ging nun davon aus, die Allierten könnten mit der Zerstörung von Paris die Verbindung zwischen der 5. Panzer- und der 1. Armee unterbrechen. Hitler liess den Truppen im Westen befehlen, den allier­ten Vorstoss unter allen Umständen westlich und südwestlich von Paris zu stoppen. Die Anordnungen des Gröfaz hatten immer den Geruch, als ob ohne seine Befehle die deutschen Landser nicht ausreichend Pflichtbewusstsein und Kampfwillen gezeigt hätten.

Allerdings hatten die Amerikaner ihren Vormarsch in Richtung Paris selbst ge­stoppt. Das ermöglichte den deutschen Verteidigern, ihre Stellungen zu ver­mehren und zu vervollkommnen. Innerhalb der Stadt verfügten die Besatzer über genügend Panzer und Geschütze, um sich bei der Zivilbevölkerung Re­spekt zu verschaffen. Diese polizeiliche Absicherung war für die Aufrechterhal­tung der Verbindungen ebenso wichtig wie die militärische.

Dennoch erachteten die vielen verschiedenartigen Unterführer der sich zusam­menbrauenden Aufstände in der Stadt die deutschen Abwehr- und Vergeltungs­massnahmen gemessen am bisher ausgeübten Terrorregime als schwach. Oh­ne zentrale Leitung und ziemlich undiszipliniert gelang es, gewaltsam die Poli­zeipräfektur in Besitz zu nehmen, aber auch andere öffentliche Gebäude und Ministerien, Pressezentren und das im Hinblick auf Revolutionen geschichtsträchtige Hôtel de Ville. Auch der militärische Arm der Résistance, die FFI, missachtete den Befehl, sich vorläufig zurückzuhalten. Choltitz war somit unmissverständlich, offenkundig und demonstrativ herausgefordert.


Das alles, was in Paris geschah, litt aus französischer Sicht trotz der spektakulären Anfangserfolge unter dem stratisch möglicherweise verheerenden Mangel an Koordination. Le­clercs Division war zu dieser Zeit in bedeutenden militärischen Opera­tionen engagiert. Die letzte Phase der Einschnürung der Argentan-Falaise-Ta­sche war im Gange.

 

Einschub:

Ausgerechnet der französischsprachige Wikipedia-Artikel erhellt, worin dieses Engagement bestanden hatte, wie es mit dem momentanen Ansehen der Division Leclerc stand (nachdem es zu Beginn der französischen militärischen Intervention in der Normandie sehr hoch gewesen war), welche Rankünen die amerikanischen Panzergeneräle gegen Leclerc hatten (siehe Kontroverse Woods und Leclercs bei Patton am 16. August) und dass die Möglichkeit, von Leclerc Insubordination und Behinderung des (amerikanischen) Vormarsches entgegennehmen zu müssen, in der Luft lag.

Les Américains font de la 2e DB le fer de lance de leur attaque vers Argentan pour fermer la poche de Falaise. Or, après de terribles combats dans le secteur de la Forêt d'Écouves, les troupes françaises se dispersent et débordent de leur secteur au sud d'Argentan, à tel point qu'ils ralentissent la progression de la 5e Division Blindée américaine à Sées. Les Américains, lancés vers Argentan, sont quelque peu retardés, et Leclerc se fait réprimander par le général américain commandant la 5e DB américaine car il n'a pas respecté les ordres, retardant peut-être la fermeture de la poche de Falaise-Argentan. Les Français de Leclerc, ayant libéré Carrouges et Ecouché le 13 août, lancent une unité de reconnaissance au centre d'Argentan, mais cette unité est chassée par des blindés allemands lors d'une contre-attaque. Il est clair que les Allemands vont défendre la ville avec acharnement. Leclerc, qui occupe un temps les hauteurs sud de la cité normande, demande alors l'autorisation d'envoyer le gros de ses troupes vers Paris pour libérer la capitale.


Der Wald von Écouves damals. Er war bedeutend kleiner als heute!

Nord de Guerre Zone 1:50'000, Blatt N° 7G/4: Alençon, Ausschnitt, Geographical Section, General Staff N° 4250, 1943

 

Die 2. französische Panzerdivision wurde nun der Kontrolle der 1. US-Armee (General Courtney H. Hodges) und des V. Korps des Generals Gerows unterstellt. Leclerc befürchtete, die Versprechungen Bradleys und Pattons könnten sich aus militärischem Zwang und jetzt erst recht in Luft auflösen und er wäre um den historischen Ruhm geprellt, wenn er in den laufenden Operationen so eingekeilt oder verzahnt würde, dass man ihn gar nicht herauszulösen vermöchte, oder wenn die Kampfkraft seiner Divi­sion in den gegenwärtigen Schlachten derart reduziert würde, dass dann doch eine amerikanische Panzerdivision zum Einsatz Richtung Paris käme. Das mit entscheidenden Kämpfen beschäftigte Hauptquartier des V. Korps fand sich mit dem Dauer-Bombardement der Begehren Leclercs konfrontiert, die 2. französische Panzerdivision nach Paris in Marsch zu setzen. Namentlich störte Leclerc die Abdetachierung eines ganzen Kampfverbandes seiner Division zur amerikanischen 90. Division. General Gerow blieb den französischen Ansinnen gegenüber kühl. Er fand, es gebe keinen Grund Leclercs Verbände anders zu behandeln als amerikanische Einheiten. Deren Verluste lagen ihm momentan näher als die Sacré Coeur.

Nachmittag, 19. August 1944

Choltitz schätzte die Herausforderung als ernst ein, aber nicht als desaströs. Es mochten 20'000 Frauen und Männer in Paris zu den FFI gehören, die aber schwach bewaffnet waren, weil die Alliierten nur eine geringe Menge Waffen und militärische Güter abgeworfen hatten. Immerhin verfügte die Résistance über ausreichend Mittel, um ein rechtes Stör- und Sabotageprogramm abzuwi­ckeln: Verkehrssignale konnten beseitigt, Reifen durchstochen, Verbindungsli­nien unterbrochen, Treibstofflager angezündet und isolierte Deutsche attackiert werden. Diese aber in Verbänden offen in einen Kampf zu verwickeln: dazu fehlten den FFI die Kräfte. Ihre Führer zogen die Ver­wüstungen, welche die vielen deutschen Geschütze der Stadt zuzufügen vermochten, aber auch die schweren Opfer unter der Zivilbevölkerung, welche die Aufstände nach sich zie­hen würden, in Erwägung. Sie befürchteten grossflächige und blutige Repressalien; deshalb versuchten sie, dämpfend zu wirken und Feindseligkeiten so lange zu vermei­den, als sich die Allierten in der gegenwärtigen Entfernung befanden und erst noch in heftige Kämpfe verwickelt waren.

Da bot sich der schwedische Generalkonsul Raoul Nordling als Vermittler an; er offerierte, Choltitz aufzusuchen und mit ihm zu verhandeln. Die sich in einem Di­lemma befindlichen FFI-Führer waren glücklich über dieses Anerbieten und Nordling war gleich erfolgreich: Er konnte Choltitz davon überzeugen, als vertrauenschaffende Massnahme einige tausend politische Gefangene aus Internierungslagern, Spitälern und Gefängnissen zu entlassen. Zum ersten Mal kam die deutsche Seite den Parisern entgegen, ohne dass diese dafür teuer bezahlen musste. Im Nachhinein betrachtet war es der erste Schritt zur Kapitulation.

19. August 1944, abends und nachts

Die nun etablierten persönlichen Beziehungen zu Choltitz erwiesen sich in der in je­der Hinsicht und nach allen Richtungen angespannten Situation als äusserst wertvoll. Nordling erfuhr von ihm am Abend des 19. August, dass er willens sei, über die Bedingungen eines Waffenstillstands mit der Résistance zu diskutieren. Noch in der gleichen Nacht kam ein solcher zustande, vorerst für einige Stunden, dann aber kamen die beiden Seiten überein, ihn auf unbestimmte Zeit zu verlängern, was ihn jedoch in seinem ganzen Bestand reichlich nebulös machte. Aber immerhin aner­kannte Choltitz die Mitglieder der Résistance als Soldaten, womit sie nicht mehr als Terroristen behandelt werden durften. Der deutsche General sprach der Gegenseite auch Stadtgebiete als ihr Territorium zu. Als Gegenleistung ver­sprach der Widerstand, die Deutschen in andern Stadtgebieten nicht zu behelli­gen, so dass sie den Rückzug durch Paris ungestört bewerkstelligen konn­ten. Klare Grenzen wurden allerdings nicht gezogen. Die Lage blieb unge­wiss. Dennoch zogen beide Parteien unbestreitbar Vorteile aus dem Abkom­men.


Die Führer der Résistance waren in der Ungewissheit, wann die Allierten vor den Toren der Stadt stehen würden. Die spontan Aufständischen waren der ei­genen Hoffnung und Ungeduld gefolgt statt der Realität. Jeder Tag der Revolte kostete Menschenleben und gab den Besatzern Gelegenheit zu Repressions­massnahmen, gegen die die FFI und die andern Widerstandsorganisationen ob­jektiv wenig entgegenzusetzen hatten. Nüchtern betrachtet konnten die öffent­lichen Gebäude nicht in der Hand der Resistance gehalten werden, wenn die Deutschen ernsthaft anrückten. Damit würden wichtige Symbole des Wider­standswillens verloren gehen, aber auch Menschenleben unbekannter Anzahl, und schliesslich machten sich alle echten Pariserinnen und Pariser schwere Sor­gen um ihre schöne Stadt.


So wie Hitler und Konsorten bisher mit historisch-kulturellem Gut umgegan­gen waren, musste man davon ausgehen, sie würden nicht davor zurückschre­cken, Paris dem Erdboden gleich zu machen. Auch von den Angreifern war al­lerhand zu erwarten: Die allierten Bombardemente über vielen Städten und die schweren Zerstörungen an normannischem Menschenleben und Hab und Gut, konnte der Pariser Bevölkerung sicher nicht verborgen geblieben sein: zu stark war die deutsche Propaganda-Maschinerie. Für Choltitz brachte der Waffenstill­stand die Erfüllung seines Primärauftrages: die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in der Stadt, was ihn andererseits in die Lage versetzte, sich der Blockade des allierten Einmarsches zuzuwenden. Die deutschen Geheimdienste wussten von den Bemühungen, die Résistance der militärischen alliierten Kom­mandostruktur einzuordnen; sie hielten dies für noch nicht gelungen und schrieben die Sabotageakte den kommunistischen Gruppen zu. Choltitz sah – richtigerweise – keinen direkten Zusammenhang zwischen den Wirren vom 19. August in der Stadt und der Entwicklung an der Front. Die Aufstände hielt er für das Werk weniger Extremisten, was aber einer Unterschätzung der Lage gleich­kam. Erschwerend für die Besatzungsmacht war dagegen der Ausfall der fran­zösischen Polizei. Choltitz hielt es daher für sachdienlich, eine informelle Waf­fenruhe, eine unformelle Abmachung, einzugehen. Die Fraktionalisierung der Résistance war den Deutschen selbstverständlich auch längst bekannt. Im Kampf waren die Gruppen vereint. Folglich musste er für einen Scheinfrieden sorgen: dann brachen die Rivalitäten sofort wieder auf. Unterstützend musste man als Besatzer nur eine Gruppe gegen die andere ausspielen. Diese Klavia­tur funktionierte jedoch nur, wenn die Waffen ruhten. Dass sich der Aufstand in der Besetzung symbolträchtiger öffentlicher Gebäude demonstrierte, konnte genau genommen den Deutschen nur recht sein. Ihre Macht ging nicht von dort aus; die Besetzenden aber mussten zwangsläufig miteinander in Streit geraten und ohne Zweifel waren sie Ziel der Eifersucht nichtbesetzender Fraktionen. Zugleich war in Paris die legitime Pétain-Verwaltung damit ihrer Macht sichtbar entkleidet, so dass formal nur die deutsche Ordnungsmacht „legitimiert“ erschien. Die Verbindung der fremden Besatzer mit der kollaborierenden Regierungsmacht des Staates Frankreich war gekappt. Die prowestlichen Widerstandsgruppen mussten befürchten, dass die Kommunisten noch vor dem Eindringen der Amerikaner an die Schalthebel der Macht gelangten. Choltitz nützte – so sah er es – das Vakuum mit der Waffenruhe aus. Nur diese zersetzte den Kitt des Widerstandes und brachte die Chance, dessen auseinanderdriftenden Gruppen nacheinander zu vernichten.

Vielleicht wollte er auch die Lebensgefährung von zahllosen Unbeteiligten, na­mentlich von Frauen und Kindern, nicht, die mit der Niederschlagung des offe­nen Aufstandes verbunden gewesen wäre. Oder er schätzte die eigenen Kräfte als zu geringfügig ein, um eine Stadt mit einer Millionenbevölkerung niederzu­ringen. Später über seine Motive befragt, räumte er beides ein. Die Aktivitäten des Untergrunds waren jedenfalls so lästig geworden, dass der Stab Choltitz' eine koordinierte, flächendeckende Attacke auf die weit zerstreuten Hauptquar­tiere der verschiedenen Widerstandsorganisationen geplant hatte und zwar für den gleichen Tag, wo der Aufstand dann ausbrach. Choltitz selbst hat aber diese Massnahme unerwartet untersagt. Statt des Einsatzes von Gewalt hörte er auf die Interventionen der Befürworter einer Waffenruhe: the neutral Swedish and Swiss consulates. Inwiefern die Schweizer nicht nur aus amerikanischer Sich beteiligt waren, wäre ein lohnendes Forschungsziel für die derzeit herrschende „Erinne­rungskultur“. Choltitz blieb vorsichtig: er erhöhte die Truppenbestände mit pro­visorischen Einheiten und liess andere Verbände in die Stadt kommen, so auch eine Kompanie der Panzer-Lehr-Division.

Sonntag, 20. August 1944

Zum Vergrössern hier anklicken


Seine - Yonne-Linie

 

Choltitz informierte anscheinend Model, der seit dem 16. August neuer Oberbefehlshaber West und Chef der Heeresgruppe B war, über die Schwachstellen der Pariser Verteidi­gung. Hitler wies am 20. August  Model an, dass Paris zur Bastion in der Seine-Yonne-Linie werden müsse. Mo­del erwiderte, dass dies nicht durchführbar sei. Obwohl Model die Verschiebung der 348. Division nach Paris verfügt hatte, glaubte er nicht, dass diese Truppen rechtzeitig genug dort eintreffen würden, um die Stadt gegen die externe Be­drohung durch die Allierten und die interne durch die Tumulte der Résistance zu halten. Offensichtlich hatte der Stratege die Forderung des Politikers Hitler missverstanden: Model hielt die Seine für wichtiger als Paris. Die Seine in der Stadt selbst zu halten, hätte unglaubliche Kräfte absorbiert. Die Zivilbevölke­rung war in kaum verborgener Revolte; Choltitz konnte auch nach Meinung des führergetreuen Model nicht gleichzeitig die innere Ruhe aufrecht erhalten und zugleich mit den verfügbaren Kräften einen alliierten Angriff abwehren. Model offenbarte daher dem OKW, dass er eine Alternativlinie nördlich und östlich von Paris zu rekognoszieren befohlen habe.

Nachdem sich gerade ein OB West wegen nicht ausreichendem Gehorsam ge­genüber Hitler selbst gerichtet hatte (Suizid von Kluges), erschien die Aktion des Nachfolgers Mo­del aus nationalsozialistischer Sicht als unentschuldbar. Hitlers Absicht und Be­fehl waren hinsichtlich Deutlichkeit und verliehenem Gewicht unmissverständ­lich: Paris sollte zur Festung werden, die nicht preisgegeben werden durfte, so wie es Leningrad und Stalingrad für den sowjetischen Diktator gewesen waren. Hitler wollte die Verteidigung "bis zum letzten Mann." Am 20. August hielt er fest: "Wenn es notwendig ist, müssen die Kämpfe in und um Paris ohne Rück­sicht auf die Zerstörung der Stadt geführt werden." Jodl wiederholte daher Hit­lers Instruktionen und befahl Model, Paris selbst zu verteidigen, nicht eine Linie östlich davon, auch wenn der Abwehrkampf die Verwüstung der Stadt und die Vernichtung ihrer Bevölkerung mit sich bringe.

Hitler selbst liess keinen Zweifel an seinen Forderungen, als er den berüchtig­ten "Trümmerbefehl"-Befehl herausgab.

 

Die Pariser Anführer der Résistance waren inzwischen per Funk die auswärtigen Widerstandsgruppen um Hilfe angegangen. Sie alarmierten die Franzosen aus­serhalb der Hauptstadt mit vielleicht übertriebenen Meldungen über die Unru­hen innerhalb der City und mit Appellen, sofort mit militärischen Kräften ins Stadtgebiet einzudringen. De Gaulle und seine provisorische Regierung war seit langem beunruhigt, dass die Agitationen der Extremisten nicht allein heftige Re­aktionen der Besatzer provozieren würden, sondern dass auch unzuverlässige Ele­mente der Résistance in der Kapitale an die Macht gelangen könnten. Die Par­teien der Linken hatten im Pariser Widerstand grossen Einfluss. Der FFI-Kom­mandant in Paris - Henri Rol-Tanguy - gehörte zu ihnen. De Gaulle hatte aus der Geschichte Glei­ches gelernt wie Hitler: Wer Paris hält, hält Frankreich. Er wusste aus seinem Geschichtsbewusstsein auch, dass Paris ein revolutionärer Schmelztigel war und sein konnte. Es hatte Tradition, dass die Bevölkerung der Metropole stets bereit war, mit dem Aufschrei "Aux barricades!" auf die Strasse zu gehen. Die französischen Kommandanten innerhalb des OVERLORD-Netzwerkes insistier­ten daher fortwährend, unverzüglich militärische "Hilfe" nach Paris zu schicken. Sie fürchteten und argumentierten, der Aufstand der Résistance könnte zur ei­gentlichen Revolution eskalieren, womit Paris zu einem unnötigen Schlachtfeld würde, was dann den Abzug von alliierten Truppen aus andern Operationen er­fordern müsste.

 

Die FFI hoffte dringend auf Waffen und Mu­nition, die über der Stadt abgeworfen würden. So hätte sie effizienter den Be­satzern widerstehen können. Damit hätten sie auch taktisch wichtige Stellun­gen in der Stadt leichter zu besetzen vermögen, was ja auch den alliierten Ein­marsch erleichtert hätte. Trotz des gegebenen Widerwillens, eine städtische Bevölkerung zu bewaffnen und trotz der Überzeugung des SHAEF, dass die schwere Fliegerabwehr-Verteidigung der Stadt Paris Operationen aus der Luft sehr kostspielig machen würden, wurden doch für den 22. August Fallschirm­abwürfe von militärischen Ausrüstungsgütern geplant. Ein "thick fog" überzog aber an diesem Tag alle britischen Flugfelder; der Abwurf musste verschoben werden. Als am nächsten Tag das britische Radio die verfrühte Meldung ausstrahlte, Paris sei befreit worden, strich das SHAEF die Operation definitiv. (Der Einfluss der Presse! - "Das grosse Weltgeschehen" Band 5 datiert die Befreiung auch zu früh! - Auch aus dem Gesichtswinkel des 22./23. August relevant.)

Die offensichtlich allein tragbare Lösung lag in der Invervention mit alliierten Truppen in der französischen Metropole, wofür in den Plänen schon seit 1943 Vorsorge getroffen worden war. Das SHAEF genehmigte eine französische Divi­sion in der Weise in die OVERLORD-Truppen einzubinden, dass eine erhebliche französische Formation bei der "re-occupation of Paris" gegenwärtig sei. Aus­gewählt wurde die 2. französische Panzer-Division, wobei man fragen darf, ob es überhaupt andere ordentliche Verbände unter französischem Kommando im Nordosten Frankreichs gegeben hätte. Unmittelbar vor dem Angriff über den Kanal und wieder anfangs August erinnerte der oberste französische militärische Chef, General Koenig, General Eisenhower an das alliierte Versprechen, diesen Verband für die Befrei­ung von Paris zu verwenden. Dessen Einmarsch in die Kapitale würde einem Symbol der Wiederherstellung des französischen Stolzes gleichkommen. Eben­so werde de Gaulles persönliches Erscheinen in Paris symbolischer Höhe­punkt des französischen Widerstandes sein. Als die Situation als günstig erschi­en, diese freifranzösischen Träume Realität werden zu lassen, war Leclercs Panzer-Division in Argentan, mehr als hundert Kilometer von der Notre Dame entfernt, während amerikanische Truppen wenige Kilometer vom Stadt­zentrum entfernt operierten. Wenn es nun den Franzosen gelingen sollte, Ge­neral Eisenhower davon zu überzeugen, Paris sofort zu befreien, sollte er dann auch wirklich in der Lage sein, das Versprechen, Leclerc einzusetzen, zu honorieren?

 

Tatsächlich hatte das XV. US-Korps in der Nacht vom 19. auf den 20. August bei Mantes - 52 km westlich von Paris - die Seine überschritten und am Ostufer einen Brückenkopf eingerichtet. Gleichzeitig nahm das amerikanische XX. Korps Chartres und Dreux ein.

(Blumenson, Chapter XXVIII, The Drive to the Seine, S. 573-5)

 

Zum Vergrössern hier klicken

 

 

Leclerc war am 20. August von Armee-General Hodges zum Lunch eingeladen worden. Er benützte selbstverständlich diese Gelegenheit, die Argumente vor­zutragen, welche er ununterbrochen auf den Lippen trug, dass ungeachtet der Strassen, des militärischen Verkehrs und der Pläne seine Division unverzüglich nach Paris vordringen müsse. Er verstieg sich sogar darauf, er brauche keinen Unterhalt, keine frische Ausrüstung und kein zusätzliches Personal, um wenige Minuten später genau darum zu bitten. General Hodges blieb von seinem Gast und auch von dessen Argumenten unbeeindruckt. Er gab ihm zu verstehen, dass er zu bleiben habe, wo er sich befinde, bis ihn der Befehl zum Vorrücken erreiche.